Blasmusik-Workshop

Keine „Dicke-Backe-Musik“

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Workshop-Leiter Markus Maier (Bild oben, stehend), Chef der „Egerländer Rebellen“, war temperamenvoll und mit Humor im Einsatz. Das Workshop-Orchester bestand aus 36 Musikern – teils mit weiter Anreise.

Babenhausen - „Das muss scheppern, dass sich die Lampen da oben an der Decke bewegen“, rief Markus Maier den drei Musikern an den Becken, der kleinen und großen Trommel temperamentvoll zu. Von Petra Grimm 

Um den richtigen Luftfluss zu üben, forderte er die Blechbläser auf, nur in das Mundstück ihres Instruments zu blasen und dabei auf einem Bein zu stehen.

Langweilig war der Blasmusik-Workshop nicht, im Gegenteil. Er forderte und inspirierte die insgesamt 36 Laienmusiker, die teilweise Anfahrtswege über 200 Kilometer auf sich genommen hatten. Zu einem Orchester hatten sie sich in der Aula der Hergershäuser Bachwiesenschule versammelt, um sich mit den stilistischen Besonderheiten und der speziellen Spielweise der Böhmisch-Mährischen Blasmusik vertraut zu machen. Und zwar vor allem praktisch beim gemeinsamen Musizieren. Erarbeitet wurden in den fünf Stunden der „Kaiserin Sissi Marsch“ und die Polka „Auf der Pfingstwiese“ von Timo Dellweg, „Die Liebste“-Polka von Jaroslav Tvrdy und der Ernst Mosch Walzer „Mondschein an der Eger“. Apropos Ernst Mosch. Er ist gemeinsam mit seinen Egerländer Musikanten zweifelsfrei der in Deutschland bekannteste Vertreter dieser Musik, „die zu Unrecht von vielen Musikern und Zuhörern als Dicke-Backe-Musik abgewertet wird, die nur ab einem gewissen Alkoholpegel im Bierzelt gehört werden kann“, so Patrick Günther und Kilian Kumpf, die beiden Gründer der Akademie für Böhmisch-Mährische Blasmusik Hessen (AfBMB).

Die Böhmisch-Mährische Blasmusik könne höchsten musikalischen Ansprüchen gerecht werden. „Das beweisen seit einigen Jahren viele – meist professionelle – Ensembles. Gerade im süddeutschen Raum erlebt die Böhmisch-Mährische Blasmusik bei jungen, talentierten Musikern einen regelrechten Boom“, sagte Günther, der wie Kumpf im Blasorchester des Hergershäuser Turnvereins zu Hause ist und seit diesem Jahr auch den Taktstock schwingt. Der Musiklehrer dirigiert seit 15 Jahren verschiedene Blasorchester, ist aktuell Baritonist bei den „Freienstein Böhmischen“ und als Hornist und Tubist in verschiedenen Auswahlorchestern aktiv. Kilian Kumpf spielt sein Lieblingsinstrument Posaune seit seinem zehnten Lebensjahr im Hergershäuser Blasorchester, in dem er inzwischen die Nachwuchsarbeit und das Jugendorchester leitet. Außerdem spielt er im Landesblasorchester Hessen und ist als Dirigent seit zwei Jahren beim Musikzug Roßdorf im Einsatz.

Gegründet haben die beiden Vollblutmusiker die AfBMB im Frühsommer dieses Jahres, um die Böhmisch-Mährische Blasmusik im Laienbereich zu fördern – und zwar durch Fortbildungen für Dirigenten, Registerproben, Orchesterworkshops, Einzelunterricht und die Vermittlung von Musikern und Kapellen. Inzwischen wurde die Akademie in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt, denn die beiden jungen Babenhäuser haben bei der Sache kein kommerzielles Interesse. „Wir möchten diese Form der Blasmusik, die unter jüngeren Leuten bei Festivals im süddeutschen Raum und in Österreich richtig gefeiert wird, auch in Hessen bekannter machen“, sagten Kumpf und Günther. Dass sie für ihre erste große Veranstaltung Markus Maier, den Leiter eines der führenden Egerländer Orchester, nach Babenhausen holen konnten, freute auch die Teilnehmer des Workshops. „Also ich glaube, dass heute jeder Musiker hier, egal welches Niveau er hat, noch etwas lernen kann. Markus Maier vermittelt alles sehr gut“, sagte der Teilnehmer Stephan Neubauer, der in der eher konzertant ausgerichteten Stadtkapelle Seligenstadt musiziert, selbst aber sehr gerne Polkas spielt. „Diese Musik transportiert ein bestimmtes Lebensgefühl: zackig und gemütlich“, so der 51-Jährige, der den Trend bestätigt. „In bayerischen Festzelten singen die Jugendlichen den Text der Polkas laut mit und stehen auf den Tischen vor Begeisterung. Vielleicht setzt sich die Böhmisch-Mährische Blasmusik ja auch in Hessen durch. Hier feiert inzwischen ja auch fast jeder Verein ein Oktoberfest“, sagte Neubauer lachend.

Quelle: op-online.de

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