Geburtstag im Notquartier

Bombe in Babenhausen - Anwohner nehmen Evakuierung gelassen

Feuerwehrleute informierten am Freitagvormittag über die bevorstehende Evakuierung.
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Feuerwehrleute informierten am Freitagvormittag über die bevorstehende Evakuierung.

In Babenhausen wurde eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Der Stadtteil Harreshausen musste für die kontrollierte Sprengung komplett evakuiert werden. Die Anwohner nahmen die Situation jedoch locker. 

Harreshausen/Babenhausen – „Haaaallo!“, ruft der Feuerwehrmann und pocht gegen das Fenster des Fachwerkhauses an der Gersprenzstraße, nachdem beim Klingeln niemand geöffnet hat – aber es brennt Licht. Die Adresse gehört zu denjenigen, bei der die Einsatzkräfte bei ihrem Tür-zur-Tür-Begehung am Donnerstagabend niemand angetroffen hatten, um die Bewohner über die Räumungsanordnung zu informieren. Die Beharrlichkeit der Feuerwehrleute zahlt sich aus. Ein älterer Mann öffnet die Tür. Es wird nicht so ganz klar, ob er von dem Fliegerbombenfund und der Evakuierung Harreshausens schon wusste. Jetzt weiß er es. Spätestens um 11 Uhr müssen alle Bewohner das Dorf verlassen haben, damit um 15 Uhr mit dem Entschärfen der amerikanischen 250-Kilo-Bombe hinter dem Seniorenzentrum Bethesda begonnen werden kann.

Seniorenzentrum in unmittelbarer Nähe des Fundorts der Bombe

Auch Traugott Hartmann, Vorsitzender des christlichen Sozialwerks Harreshausen, macht sich startklar. Der Fund des Blindgängers hat den Pastor erschrocken: „Das war einmal unser Acker“, der mit dem Traktor auch bewirtschaftet wurde. Auf dem Baugrund plant das Sozialwerk einen Bungalowpark für seniorengerechtes Wohnen. Bei der Grundstückssondierung war die Bombe aufgespürt worden.

Nur wenige Meter Luftline vom Fundort entfernt bewältigen die Pflegekräfte im Seniorenzentrum eine Herkulesaufgabe: Die 97, teilweise bettlägerigen Bewohner, müssen verlegt werden. Einsatzkräfte des DRK und der Johanniter bringen sie in die Sporthalle der Joachim-Schumann-Schule, wo die pflegebedürftigen Menschen den Tag verbringen sollen. Geduldig warten die Senioren auf ihren „Shuttle“.

Harren in der Stadthalle aus: Robert Schilling mit seinen Hunden Luna und Lotte hatten es sich auf einer Picknickdecke bequem gemacht. Andere Harreshäuser saßen an den langen Tischreihen. Fotos: zah/nkö

Freudige Aufregung herrscht zur gleichen Zeit in der „Wuselkiste“, der Harreshäuser Kindertagesstätte. Mit Mannschaftstransportern der Freiwilligen Feuerwehr werden sie in die Halle des Turnvereins gefahren. Artig in Zweierreihen aufgestellt warten sie im Flur darauf, dass sie einsteigen dürfen. Kitaleiterin Alexandra Spielmann ist voll des Lobes ob des routinierten Ablaufs der Evakuierung. Der Elternbeirat hat alle Familien vorab informiert, sodass ohnehin nur 13 Kinder gebracht wurden. Für die Kleinen ist der Ausflug mit dem Feuerwehrauto – das kurze Zeit gar das Blaulicht einschaltet – ein tolles Abenteuer. In der TVB-Halle wird später ein Geburtstagskuchen verputzt. Die ungewöhnliche Party dürfte das Geburtstagskind so schnell nicht vergessen.

Stadthalle Babenhausen wird zu Notquartier 

„Am Obertor“ rüsten sich Gerlinde und Horst Mahr für einen Besuch bei auswärtigen Freunden. Ihr sei mulmig, sagt die ältere Dame: „Ich habe ganz schlecht geschlafen.“ Der Ehemann, ein Ur-Harreshäuser, hat den Abwurf der Bombe, die nun etwa 75 Jahre später zum Verlassen des Hauses zwingt, als Kind miterlebt. Als Babenhausen Ziel der Fliegerangriffe war, „war ich sechs Jahre alt. Es gab drei Sandbunker, einer im Ober- und zwei im Unterdorf“, erzählt der Senior. Auch nach über sieben Jahrzehnten hat sich Horst Mahr ein Bild sprichwörtlich eingebrannt: „Man hat gesehen, wie Darmstadt brannte, der Himmel war rot!“

Mit einem Großaufgebot wurden das Seniorenzentrum Bethesda evakuiert – insgesamt 97 Bewohner.

In der Babenhäuser Stadthalle, einem der Notquartiere, ist für 400 Harreshäuser bestuhlt worden, zehn Betten stehen zur Verfügung. Etwa 60 Bürger werden es zum Zeitpunkt der Entschärfung sein, während das DRK-Team das Mittagessen vorbereitet: Rindswurst, Gulaschsuppe und allerlei Getränke. „Für die Mutter ist das eine enorme Aufregung“, berichtet Robert Schäfer, der seiner 93-jährigen Mama die Hand hält. Für die demente Seniorin, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, war bereits der Transport mit dem Rettungsdienst eine nervliche Strapaze. Inzwischen ist sie gefasst, und verputzt munter ein Sandwich.

Bombe in Babenhausen: Evakuierung gelingt reibungslos

Etwas abseits hat Familie Schilling die Picknickdecke ausgebreitet. Der Standort Stadthalle dient der Familienzusammenführung. Während die Oma bereits einpendelt, sind drei Kinder noch in der Schule, ein viertes muss vom Praktikum in Stockstadt abgeholt werden. Die Stimmungslage der vierbeinigen Familienmitglieder ist ambivalent. Labrador Lotte ruht entspannt auf der Decke, doch die kleine Luna ist völlig aus dem Häuschen. Wegen des ungewohnten Tagesablaufs glaubt die kleine Hündin noch immer, es ginge zum Tierarzt, so Herrchen Robert Schilling.

Die inständige Bitte von Bürgermeister Joachim Knoke an die Harreshäuser, dass die Evakuierung reibungslos funktionieren soll, erfüllt sich. Zwar twitterte die Polizei gegen 15 Uhr, dass sich wegen Spaziergängern im Sicherheitsbereich die Entschärfung etwas verzögert. Doch dann machen sich die Bombenentschärfer fast planmäßig ans Werk.  

nkö/zah

Quelle: op-online.de

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