Ob Brennnesselsuppe im Mund sticht?

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Nabu-Chef Dirk Alexander Diehl erklärt,was sich aus Brennnessel alles machen lässt.

Langstadt - „Wir brauchen vor allem die jungen Blätter, die älteren schmecken doch etwas streng“, sagt Dirk Alexander Diehl und begutachtet einen Brennnesselzweig. Zusammen mit Zwiebeln, Knoblauch, Porree, Kartoffelwürfeln, Gemüsebrühe und Sahne soll daraus Brennnesselsuppe werden. Von Michael Just

Der Teller Suppe avancierte am Sonntagnachmittag dann auch zum lukullischen Abschluss der Kräuterwanderung, die die Langstädter Ortsgruppe des Naturschutzbunds (Nabu) ausrichtete. Bereits vor zwei Jahren - zum 50-jährigen Jubiläum der Ortsgruppe - fand eine Kräuterwanderung statt. Damals mit Doris Fasterling. Die Spachbrückerin gilt im Altkreis Dieburg als die bekannteste Kräuterexpertin.

Diesmal übernimmt Nabu-Vorsitzender Dirk Alexander Diehl selbst die Führung der gut ein Dutzend Gäste. Er sei zwar kein klassischer „Küchenbotaniker“, räumt Diehl ein, als Diplom-Biologe und Vegetarier aber mit Kenntnissen ausgestattet. Wie der Nabu-Chef erzählt, habe er früher als Student beim „Botanisieren“ viele Kräuter an Ort und Stelle verkostet. „Durch Pestizide, den Vormarsch von Infektionskrankheiten sowie mögliche Hinterlassenschaften von Hunden bin ich diesbezüglich aber vorsichtiger geworden“, schickt er hinterher.

Brennnesselsuppe statt grüner Soße

Nicht einhalten konnte der Naturschutzbund die Ankündigung, sieben Kräuter für eine Grüne Soße zu sammeln. „Die Natur ist dieses Jahr drei Wochen früher dran als normal“, so Diehl. „Viele Kräuter für die Grüne Soße blühen schon.“ Mit von der Partie sind an diesem Nachmittag auch Axel und Jutta Müller. „Wir gehen öfter mit dem Nabu auf Tour - wegen der Informationen über die Natur“, berichtet der Ingenieur - und bemerkt: „Wir essen auch gerne Grüne Soße, obwohl wir keine Hessen sind.“ Den geänderten Speiseplan, auf dem nun Brennnesselsuppe steht, trägt er mit Fassung: „Das ist okay, auch wenn meine Mutter uns früher zu oft mit Brennnessel-Produkten gequält hat“, lacht der 43-Jährige.

Auf der rund zweistündigen Runde hat Diehl immer wieder interessante Infos zu den Inhaltsstoffen der Kräuter und ihrer Eignung als Medizin oder Zutat parat. Darunter den Spitzwegerich, der gerne bei Insektenstichen eingesetzt wird. „Etwas zerknautscht auf die Haut gedrückt, juckt die Angelegenheit nicht mehr so“, weiß der Biologe. Zur Vorsicht rät er beim beliebten Bärlauch, da dieser oft mit ähnlich aussehenden Giftpflanzen verwechselt wird. Wildwachsenden Bärlauch gibt es laut dem Experten in der Langstädter Gemarkung nicht.

Schöllkraut beliebtes Mittel gegen Warzen

Das Schöllkraut beschreibt der Nabu-Vorsitzende als beliebtes Warzenmittel. Die unliebsamen Hautwucherungen hätten auch dem „Warzenbeißer“, einer Heuschreckenart, ihren Namen gegeben, da deren Magensaft im Mittelalter als Abwehrmethode galt.

Das Geheimnis der Brennnessel liegt laut Diehl in ihren Flavonoiden: „Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die die Pflanze nicht unbedingt zum Leben braucht, die aber unter anderem helfen, Insekten abzuwehren.“ Dazu gehörten Mineralstoffe und Spurenelemente wie Calcium, Kalium, Magnesium oder Kieselsäure. Auch Äpfel haben laut Diehl ein großes Spektrum an sekundären Stoffen, die vor allem bei ungespritzten Sorten aromatisch zur Geltung kommen.

Die Angst einiger Kinder, dass sie die Brennnesselsuppe auf der Zunge stechen könnte, erwies sich beim gemeinsamen Zubereiten der Pflanze als unbegründet. Wie sie herausfanden, verflüchtigt sich die Säure beim Kochen. Mit der richtigen Vorgehensweise könne man die Blätter sogar direkt vom Strauch essen, merkt Diehl an. Das ginge, wenn man die Brennhaare von unten nach oben mit dem Finger überstreicht. „Meine Versuche waren aber nicht immer zu hundert Prozent erfolgreich“, gesteht der Langstädter.

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