Bürger gründen Verein gegen „Missstände in der Justiz“

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Kurz nach der Tat: Am Eingang zum Haus der Tolls hängt eine Anzeigetafel mit Bildern der Opfer.

Babenhausen - Es geschah beim Heraustragen des Mülls. Andreas D. soll im April 2009 seinen Nachbarn, Klaus Toll, vor dem Souterraineingang dessen Reihenhauses mit sechs Schüssen niedergestreckt haben. Von Domenico Sciurti

Anschließend sei der Täter in den ersten Stock gegangen, um die schlafende Ehefrau Petra zu töten. Die behinderte Tochter der beiden entkam dem Tod mit schweren Verletzungen.

„Lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld“, lautete das Urteil, das mehr als zwei Jahre nach der Tat vom Vorsitzenden Richter, Volker Wagner, nach einer 90-minütigen Urteilsbegründung ausgesprochen wurde. Das Urteil ist bis heute umstritten. Glaubten die meisten zu Beginn noch, Andreas D. sei sicherlich schuldig, häuften sich im Verlauf des Prozesses bei vielen Beobachtern die Zweifel. Selbst der Richter gab zu, dass es äußerst selten passiere, dass eine „so unvorstellbare Tat“ nur anhand von Indizien aufgeklärt werden müsse.

„Im Zweifel für den Angeklagten“

„Im Zweifel für den Angeklagten“, ist die Überzeugung des Babenhäusers Christoph Kemp. Er war vom Urteil dermaßen schockiert, dass er sich mit anderen Bürgern zusammenschloss und den Verein „Monte Christo“ gründete – um auf die „Missstände in der Justiz hinzuweisen“, wie Kemp erklärt. Der Prozess um den Babenhäuser Doppelmord gab den Anstoß dazu.

Während sich die Richter also für die Schuld des Angeklagten Andreas D. entschieden, sind die mehr als 15 Mitglieder des Vereins überzeugt, dass man in diesem Fall hätte anders urteilen müssen. „Ein paar Tage vor dem Schuldspruch war ich noch beim Plädoyer im Gerichtssaal dabei“, erläutert Kemp. „Ich war überzeugt davon, dass Herr D. frei gesprochen wird.“ Mit dem Urteil sei eine Welt für ihn zusammengebrochen, und damit der Glaube an das deutsche Rechtsverständnis. Die Urteilsbegründung basiere ausschließlich auf Indizien, denen die Verteidigung sehr überzeugend widersprochen habe, meint Kemp weiter.

Christoph Kemp und seine Frau beschreiben sich als „Neutrale des Vereins“. Sie hätten keinerlei persönliche Beziehung zu dem mutmaßlichen Täter. Aus reinem Interesse, weil die Tat eben in der Stadt passierte, in der Kemp seit über 20 Jahren lebt, sei das Paar ins Gericht gegangen. Erst später haben sie mit Freunden, die selbst wiederum mit der Familie des Angeklagten bekannt sind, gesprochen und entschieden, etwas zu unternehmen.

„Da war nicht mal ein Bild dabei“

Steffen Otto (links, 2. Vorsitzender) und Josef Seidl (Vorsitzender) vom Verein „Monte Christo“.

Kemp, von Berufs wegen nicht mit juristischen Sachlagen befasst, kennt sich mittlerweile im Fall des Andreas D. gut aus. Viele Details weiß er zu nennen, die in seinen Augen keine ausreichenden Hinweise darauf seien, um den Familienvater von drei Kindern zu solch einer langen Strafe zu verurteilen. Den angeblichen Bauplan des Schalldämpfers für die Tatwaffe beispielsweise, den die Staatsanwaltschaft als eines der Hauptargumente angeführt hatte, habe er selbst einsehen können. „Da war nicht mal ein Bild dabei“, sagt er. Zudem glaubt Kemp, dass man D. nicht darauf festnageln könne, da der Computer, auf dem besagter Plan von der Polizei gefunden wurde, auch von Kollegen hätte benutzt werden können. Auch die Tatsache, dass im Haus der Opfer keine DNA-Spruren von D. gefunden wurden, habe im Prozess nicht genügend Gewicht erhalten, ist Kemp der Ansicht. Und die Bundeswehrhose, auf der Schmauchspuren nachgewiesen wurden, könne laut Staatsanwaltschaft auch nicht mit dem Tatort in Verbindung gebracht werden. „Menschen dürften nicht aufgrund nicht bewiesener Indizien verurteilt werden“, betont Kemp. „So etwas darf nicht passieren.“

Kemp wartet nun gespannt, was das kürzlich beantragte Revisionsverfahren bringen wird. Mit dem Verein wollen die Mitglieder auf Ungereimtheiten hinweisen. „Babenhausen ist da kein Einzelfall, immer öfter hört man von solchen Fällen“, sagt Kemp. Etliche Vereine wie den „Monte Christo“ gebe es bereits bundesweit.

Kemp weiß nicht, ob Andreas D. die Tat begangen hat oder nicht. Dennoch glaubt er, solange es nicht sicher ist, dass er es war, müsse der Mann frei gesprochen werden. „Wenn Andreas D. schuldig ist, dann soll er bestraft werden. Aber das muss ordentlich aufgeklärt und bewiesen sein.“

Quelle: op-online.de

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