Babenhäuser Christophorus-Statue

Die Last der Welt auf den Schultern

+
Der Babenhäuser Christophorus steht durch seine Beschädigungen für den Bildersturm der Reformation.

Babenhausen - Das Territorialmuseum bietet nicht nur interessante Ausstellungsstücke und Relikte aus vergangenen Zeiten: Zu den meisten finden sich in der Amtsgasse 32 auch Begebenheiten, die von abenteuerlich, über spannend bis unglaublich reichen. In einer Sommerserie stellen wir die interessantesten Geschichten vor. Von Michael Just

Torsos gehören zu vielen Museen. Vor allem aus der römischen und griechischen Geschichte stehen immer wieder Körper ohne Beine, Arme und Köpfe in den Ausstellungsräumen. Babenhausen hat keine römische Vergangenheit und dennoch steht im Territorialmuseum eine Figur, bei der zumindest der Kopf fehlt. Es ist der heilige Christophorus in einer Holzarbeit um 1485. Der frühchristliche Märtyrer, der in der Region Kanaan (Syrien) geboren wurde, lebte im 3. oder beginnenden 4. Jahrhundert. Vor seiner Taufe hieß Christophorus der Überlieferung gemäß Reprobus – aber auch Offerus, Offro oder Adokimus. Vermutlich zog er als Missionar durch Lykien, bevor er für seinen Glauben unter römischer Herrschaft starb. Sein Leben erscheint legendenreich: Um Gott zu dienen, ersetzte er an einem Fluss den Fährmann und half den Menschen über das Gewässer.

Es kam der Tag, an dem ein Kind auf der Schulter hinübergetragen werden musste. Zu Beginn war das Kind nicht schwer, aber je tiefer die Furt wurde, desto mehr nahm sein Gewicht zu. In der Mitte des Stromes keuchte der Träger: „Du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen!“ Da antwortete das Kind: „Wie du sagst, so ist es, denn ich bin Jesus, der Heiland. Und wie du weißt, trägt der die Last der ganzen Welt.” Am anderen Ufer angekommen sagte das Kind: „Du hast den Christ getragen, von jetzt an darfst du dich Christophorus nennen.” Diese Legende führte dazu, dass die Ikonographie den Märtyrer häufig mit Stab und dem Jesuskind auf den Schultern darstellt. In unserer Zeit entwickelte sich Christophorus zum Schutzheiligen der Autofahrer.

Das Babenhäuser Territorialmuseum

Dass die Babenhäuser Figur, die einst die Stadtkirche zierte, ohne Kopf und Jesu-Kind erscheint, ist auf die Reformation und den Dreißig-jährigen Krieg (1618-48) zurückzuführen. In den religiösen Auseinandersetzungen kam es immer wieder vor, das Skulpturen der Kopf abgeschlagen wurde, Gemälde übertüncht und sogar Altäre zugemauert wurden.

Dem sogenannten Bildersturm liegt ein theologischer Konflikt innerhalb des Christentums zugrunde. Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche lehnten die Reformatoren die Anfertigung christlicher Bildwerke ab. Das Himmelreich sei allein durch das Wort Gottes sowie dessen Gnade zu erlangen und nicht durch Ablasshandel oder die Stiftung von Kunstgegenständen. Die Gleichsetzung mit Aberglaube und Götzenverehrung führte dazu, dass viele einzigartige Kunstgegenstände des Mittelalters zerstört wurden. In protestantischen Kirchenbauten wurde in der Folge meist auf Skulpturenschmuck verzichtet. Es überwog die Schlichtheit.

Der Babenhäuser Christophorus war lange Zeit verschwunden, bis er in den 1930er Jahren in einem der Keller und Grüfte unter der Stadtkirche wieder zum Vorschein kam. Nach der Restaurierung führte sein Weg ins Landschaftsmuseum Seligenstadt.

Bei der Nachfrage des Heimat- und Geschichtsvereins, ob man die Figur fürs Territorialmuseum bekommen kann, stießen die Babenhäuser auf verständnisvolle Kollegen, die anerkannten, dass die wunderbar herausgearbeitete und mehrfarbig gestaltete Arbeit in die Gersprenzstadt gehört. Als Dauerleihgabe stellt sie nun - auch ohne Kopf – ein Glanzstück im Territorialmuseum dar, das der HGV bei der Museumseröffnung zurecht als Überraschung präsentierte.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare