Im Dauereinsatz für die Tiere

+
Kein Kuss für Hündin Leila, sondern ein Mundgeruchs-Test. Damit kann der Tierarzt auf gewisse Erkrankungen schließen.

Babenhausen - 2011 ist offizielles „Welttierärztejahr“. Grund genug, sich einen Überblick über die veterinärmedizinische Lage vor Ort zu verschaffen. Von Veronika Szeherova

Und wer in Babenhausen nach einem Tierarzt sucht, wird schnell fündig: Denn es gibt nur eine einzige Praxis – die von Matthias Gehb an der Konfurter Mühle. Dementsprechend bekannt ist er auch bei den hiesigen Tierhaltern. Diese schwören auf ihren Doktor – und das nicht etwa nur wegen Mangels an Alternativen. „Er ist einfach der Allerbeste“, schwärmt Pferdehalterin Monika Ellermann. „Herr Gehb ist ganz ruhig im Umgang mit den Tieren, und auch für die Menschen hat er immer ein offenes Ohr. Mein Pferd und ich vertrauen ihm völlig. “.

Seit 16 Jahren betreibt der gebürtige Heidelberger den Pensionsstall mit angeschlossener Kleintierpraxis in Babenhausen. Pferde sind sein Fachgebiet. Dabei unterstützt ihn seit zwölf Jahren Dr. Edith Bernius, die wie er in Reitställen in der ganzen Region unterwegs ist. So hat Gehb wochentags mehr Zeit, die anderen Patienten zu versorgen – vom Hamster und Wellensittich bis zur Dogge. Lediglich bei Exoten, insbesondere Reptilien, verweist er auf Spezialisten: „Mittlerweile gibt es viel mehr Literatur und Fachwissen über diese Tiere als noch zu meinen Studienzeiten, damals behandelte man sie eher empirisch.“

Lieber für Tiere als für einen Konzern

Ursprünglich wollte Gehb Chemiker werden: „Ich hatte so eine idealistische Vorstellung, wie ich im Labor forsche und eines Tages einen Nobelpreis bekomme“, erzählt er lächelnd. Ein Besuch in einem namhaften Chemieunternehmen brachte Ernüchterung. „Ich wollte nicht ausschließlich zum Wohl eines Konzerns arbeiten, wechselte daher nach vier Semestern zur Tiermedizin.“ Seine Familie habe schon immer Hunde gehalten, und er selbst war begeisterter Reiter. So fiel die Entscheidung leicht.

In den Sattel setzt Gehb sich heute nicht mehr – ihm fehlt die Zeit. „Und wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen“, erklärt er. Doch die Arbeit mit den Pferden ist für ihn nach wie vor die größte berufliche Erfüllung – und Herausforderung. „Wenn eine Operation gelingt, vor allem im chirurgischen Bereich, wo man teilweise immer noch ziemlich improvisieren muss, macht dieses kreative Arbeiten richtig Spaß“, sagt der Tierarzt.

Andere Pferde-OPs, wie etwa Kastrationen von Hengsten, sind dagegen reine Routine. Besonders stolz ist Gehb auf den Erfolg seiner Kolikoperationen: „Früher hatten Pferde allgemein eine Überlebenschance von nur 50 Prozent, bei uns liegt sie heute statistisch bei 80 bis 90 Prozent.“

Seit Jahren keinen Urlaub gemacht

Wie die Humanmedizin sei die Tiermedizin immer technisierter und spezialisierter geworden. Auch die Ansprüche der Tierhalter seien gestiegen. „Gerade bei Pferdebesitzern ist die Bindung an den betreuenden Tierarzt sehr hoch“, weiß Gehb. „Ich muss deshalb ständige Erreichbarkeit gewährleisten.“

Seit Jahren habe er keinen Urlaub gemacht, der länger als drei Tage dauerte. Sind gerade keine Sprechstunden in der Kleintierpraxis, legt er sich die OP-Termine oder fährt zu den Pferdepatienten, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Einen festen Feierabend gibt es nie – der nächste Notruf kann stets kommen.

Der Tierarztberuf ist also hart, sehr arbeitsintensiv und oft unterbezahlt – und dennoch steht er vor allem bei jungen Mädchen auf der Wunschliste weit oben. „Die meisten Studienanfänger möchten in den kurativen Bereich, doch nur etwa die Hälfte landet dort auch wirklich“, sagt Gehb. „Die anderen werden dann amtliche Tierärzte in der Lebensmittelkontrolle, Seuchenbekämpfung, Fleischuntersuchung oder im Tierschutz. Die Arbeit am Tier als Patient fällt dabei ganz weg.“

Ansprüche einer Pferdeklinik

Das würden viele vor der Wahl des Studienfachs vergessen. Auch in der Bevölkerung seien diese Bereiche des Berufs nahezu unbekannt, moniert der Babenhäuser: „Obwohl sie sehr wichtig sind – man denke nur an Fälle wie BSE, Schweinegrippe oder den Dioxin-Skandal.“

Wo heute an der Konfurter Mühle die Pferdeboxen sind, war früher ein Bullenmastbetrieb. Daran erinnert kaum noch etwas – die Anlage ist ganz auf die Ansprüche einer Pferdeklinik angelegt. Es gibt einen Operationssaal mit allen technischen Notwendigkeiten für die mehrere 100 Kilogramm schweren Tiere, einen Patienten-Boxentrakt, gerade Asphaltwege zum Beurteilen des Gangbildes und eine große Reithalle sowie einen Platz zum Reiten und Longieren.

Schnell ist die Verschnaufpause draußen auf dem sonnenbeschienenen Hof vorbei, und schon warten die nächsten Patienten: Kater Harley hat sich an der Kralle verletzt und Boxerhündin Leila hat einen kleinen tumorösen Auswuchs, der Frauchen in Aufregung versetzt. Tierarzt Gehb ist die Ruhe selbst. Wie immer.

Quelle: op-online.de

Kommentare