Seit siebeneinhalb Jahren bei den Maltesern in Südhessen

Bettina Mathes aus Babenhausen arbeitet beim Kinderhospizdienst

Bettina Mathes
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Bettina Mathes wohnt in Babenhausen.

Der heutige 10. Februar ist deutschlandweit der Kinderhospizarbeit gewidmet. Ziel dieses Tages ist es, auf die Lebenssituation schwerstkranker und sterbender Kinder sowie deren Familien aufmerksam zu machen. Die Sickenhöferin Bettina Mathes arbeitet seit siebeneinhalb Jahren für den Malteser Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst Südhessen.

Im Interview spricht die 46-Jährige, außerdem Vorsitzende des Sickenhöfer Ortsverschönerungsvereins und parteipolitisch bei den Grünen aktiv, über ihre Arbeit.

Frau Mathes, Sie sind Koordinatorin beim ambulanten Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst der Malteser. Was genau umfasst Ihre Tätigkeit?

Als Koordinatorin bin ich die Schnittstelle zwischen Familien und unseren ehrenamtlichen Helfern. Sie haben zuvor einen 100-stündigen Qualifizierungskurs durchlaufen. Ich bin die Erste, die die Familie kennenlernt und bespreche, an welchen Stellen wir unterstützen können Die Familie steht bei uns im Mittelpunkt. Sie sind die Experten, was ihnen am meisten hilft.

Wie sind Sie zum Kinderhospiz- und Familiendienst gekommen?

Ich bin gelernte Kinderkrankenschwester und habe bei meiner Arbeit im Clementinen Kinderhospital in Frankfurt viel mit kleinen Patienten mit neurologischen Erkrankungen gearbeitet. Die dabei sehr wichtige Arbeit mit den Familien hat mich sehr fasziniert.

Wie unterstützen Sie die Familien?

Da muss ich etwas differenzieren. Da ist zum einen meine professionelle Sicht auf mögliche Problemfelder. Zum anderen die subjektive Sicht der Familien. Diese Bedürfnisse stehen bei uns an erster Stelle. Oft geht es darum, pflegenden Eltern, meist die Mütter, zu entlasten, ihnen etwas Zeit zum Durchschnaufen zu geben, während wir mit den Kindern spazieren gehen oder einfach eine gute Zeit verbringen. Oder sich um die Geschwister zu kümmern, die meist weniger Beachtung finden. Eben einfach allen Betroffenen Zeit schenken. Dann ist da die Unterstützung beim Anträge stellen oder Widersprüche einlegen – wir begleiten die Familie durch die Bürokratie.

Was benötigen schwerkranke Kinder am meisten?

Liebevolle aufmerksame Menschen an ihrer Seite mit denen sie Kind oder Jugendliche sein dürfen. Ein offenes Herz, das hinschaut und auch zwischen den Zeilen lesen kann. Eigentlich nichts anderes als jedes Kind auf dieser Welt. Erkrankte Kinder nehmen sich schon oft genau als besonders wahr. Was sie von uns einfordern ist Normalität.

Und was die anderen Familienmitglieder?

Das ist ganz unterschiedlich. Eine Tasse Tee, ein Gespräch, wenn alle Kinder im Bett sind. Eine Schulter zum ausweinen, das Eingestehen von Ängsten und Sorgen. Oft sind die Eltern in ihrer Rolle, der Versorgen, der Kümmerer der Motivatoren so eingespannt und wollen ja den Kindern so viel Normalität ermöglichen wie es geht, das sie von ihrem eigenen Schauspiel ganz erschöpft sind. Jedes Kind ist verunsichert wenn die Mutter weint und der Vater seiner Verzweiflung freien Raum lässt. Kinder haben sehr feine Antennen. Da kommen oft unsere Ehrenamtlichen ins Spiel.

Wie erleben Sie selbst hilfesuchende Familien und deren Umgang mit dem Tod?

Wir treten da in einen hochsensiblen Bereich ein. Die Familien lassen uns ganz nah an sich heran und geben uns einen immensen Vertrauensvorschuss. Über den Tod wird gar nicht sofort geredet. Doch mit uns kann man auch über den Tod reden ohne Angst zu haben uns mit den Fragen und Ängste zu überfordern. Vielmehr geht es erst einmal darum, Leben zu gestalten. Reine Sterbebegleitung ist bei uns weniger an der Tagesordnung. Aber für Gespräche sind wir immer da. Der Tod ist nicht das beherrschende Thema. Diesen Schicksals-Berg können wir nicht abbauen. Aber wir können Steine wegräumen und den Weg ein wenig leichter machen.

Man liest oder hört häufiger, dass Kinder und Jugendliche mit Ihrem Schicksal gefasster umgehen als ihre Familien. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Kinder leben im Hier und Jetzt. Das ist eine unglaublich tolle Fähigkeit, von der wir Erwachsene ganz viel Lernen können. Aber Kinder fühlen auch die große Traurigkeit, dass sie gehen müssen. Sie fühlen, wenn ihre Eltern da sehr emotional werden, nicht darüber reden möchten und respektieren dies dann auch. Ich benutze gerne das Bild von einer Trauerpfütze. Kinder springen hinein und sind tot unglücklich. Dann kommt aber ein schöner Vogel um die Ecke gepflogen, und die Traurigkeit ist erst einmal wieder weg.

Das Gespräch führte Norman Körtge

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