Bemühen um Wiederaufnahme des Verfahrens

Frau des Doppelmörders überzeugt von Unschuld

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Christoph Kemp und Josef Seidl (rechts) vom Verein Monte Christo unterstützen Anja Darsow bei ihrem Bemühen, die Unschuld ihres Mannes zu beweisen.

Babenhausen - Alle zwei Wochen fährt Anja Darsow in die Justizvollzugsanstalt nach Weiterstadt. Dann darf sie ihren Mann Andreas für eine Stunde besuchen. „Nur zwei Personen darf ich mitnehmen. Eins unserer drei Kinder muss deshalb immer zuhause bleiben“, erzählt sie. Von Petra Grimm

Ihr Antrag, auch das dritte Kind zum Besuch beim Vater mitnehmen zu dürfen, wurde abgelehnt. Die Besuche im Gefängnis sind Teil eines Albtraums, der für die Familie mit dem brutalen Doppelmord an ihren Nachbarn im April 2009 begann.

Andreas Darsow wurde im Mai 2010 verhaftet und im Juli letzten Jahres für den Mord am Ehepaar Toll und wegen versuchten Mordes an deren behinderter Tochter schuldig befunden. Lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld lautete das Urteil des Landgerichts Darmstadt nach dem Indizienprozess. Der Verurteilte beteuert bis heute seine Unschuld. Eine Revision lehnte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe vor wenigen Wochen ab. Es seien keine Rechtsfehler gefunden worden.

Empörung über das Urteil

„Da beginnt das Problem, denn es werden nach Aktenlage nur mögliche Rechtsfehler überprüft, also beispielsweise ob alle Fristen eingehalten wurden. Das wissen viele Leute gar nicht. Ein Unschuldiger ebenso wie ein Schuldiger kann eine Revision lediglich dann erwirken, wenn beim formalen Ablauf des Verfahrens ein Fehler gemacht wurde. Da werden ja nicht die Zeugenaussagen noch mal überprüft oder ähnliches“, sagt Josef Seidl, Vorsitzender des Vereins Monte Christo, der im Oktober 2011 von einigen Bürgern aus Empörung über das Urteil gegründet wurde.

Doppelmord in Babenhausen: Prozessauftakt

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Seidl, der mit der Familie Darsow. schon länger befreundet ist, erinnert sich noch gut an den Tag der Urteilsverkündung: „Eigentlich waren ja im Vorfeld die skandalös einseitigen Ermittlungen der Sonderkommission der Polizei schon bekannt. Wir haben alle darauf gewartet, dass dem Treiben durch die Gerichtsverhandlung Einhalt geboten wird. Auch neutrale Beobachter bei der Verhandlung waren sich sicher, dass es einen Freispruch geben muss, denn sämtliche Indizien der Staatsanwaltschaft wurden durch die Gutachter der Verteidigung entkräftet. An dem Tag, als das Urteil dann verkündet wurde, musste ich aufhören zu arbeiten. Ich habe meine Empörung sofort in einen Leserbrief gepackt.“

„Einfach aus Interesse“

Auch Christoph Kemp und seine Frau waren an einigen Verhandlungstagen dabei: „Nicht weil wir die Familie kannten, sondern einfach aus Interesse.“

Vom Urteil war er geschockt: „Ich hätte früher nie gedacht, dass es so etwas in unserem Land geben kann. Der gesunde Menschenverstand hat einem gesagt, dass da was nicht stimmt. Es darf doch einfach nicht sein, dass ein Mensch allein aufgrund fragwürdiger Indizien für einen Mord verurteilt wird“, sagt der Babenhäuser, der Monte Christo mitgegründet hat.

Für Seidl ist es ein „Skandal in drei Akten“. Zum einen sind es die in seinen Augen dilettantischen Ermittlungen der Polizei, die andere Spuren, beispielsweise in Richtung organisierte Kriminalität und Umfeld der Familie Toll nicht ausreichend verfolgt hätten. „Der zweite Teil des Skandals ist, dass so etwas durch ein Urteil auch noch bestätigt wird. Die 290 Seiten Urteilsbegründung geben eine runde Geschichte über eine Straftat, die so nicht stattgefunden hat. Und der dritte Skandal ist, dass es keine rechtsstaatliche Möglichkeit gibt, gegen Skandal zwei vorzugehen. Denn es gibt weder ein zweites Tatsachenverfahren noch eine justizinterne inhaltliche Überprüfung dieses Skandalurteils.“

Den Bundespräsidenten angeschrieben

Anja Darsow, die in ihrer Verzweiflung sogar den Bundespräsidenten angeschrieben und – vergeblich – um ein Gespräch gebeten hat, kämpft weiter um die Freiheit ihres Mannes. Sie bemüht sich um die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Die Petition, die sie zu diesem Zweck beim Petitionsausschuss des Landtags einreichen will, trägt bereits mehr als 700 Unterschriften. Aber die Chance, ein Wiederaufnahmeverfahren zu erreichen, sei gering. „Denn man muss selbst neue entlastende Momente vorbringen. Und das ist nach der langen Zeit natürlich fast unmöglich“, sagt sie. Sie wird erfahrene Anwälte einschalten müssen, was viel Geld kostet. Da sie mit ihrem Einkommen ihre Familie ernähren muss, werde sie wohl einen Kredit aufnehmen müssen. Aber sie will nicht locker lassen. Kraft geben ihr die Kinder, für die das Leben auch unter diesen schwierigen Umständen so normal wie möglich weitergehen soll, und die große Unterstützung ihrer Familie und Freunde. Niemand aus ihrem Umfeld habe sich zurückgezogen, auch von Anfeindungen sei sie verschont geblieben.

Eigene Homepage ins Netz gestellt

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Ein Tatort wie kein anderer

Unter www.doppelmord-babenhausen.de hat Anja Darsow eine eigene Homepage ins Netz gestellt, die seit Februar über 12.000 Besucher hatte. Sie hofft, dass sich nach dem Besuch auf der Homepage, die sie noch in andere Sprachen übersetzen lassen will, jemand meldet, der sich an etwas erinnert, was ihren Mann entlasten könnte. Für Josef Seidl, der mit dem Verein Monte Christo die Menschen für die „Missstände in unserem Justizsystem“ sensibilisieren und dafür auch politisch Einfluss nehmen will, ist es eine Frage der Zivilcourage: „Es gehört Bürgermut dazu, sich gegen staatliche Ungerechtigkeit aufzulehnen. Aber eines muss man sich klar machen: Es kann jeden treffen. Und ein Verurteilter, der unschuldig in die Mühlen der Justiz geraten ist, hat ohne breite Unterstützung keine Chance auf eine Rehabilitierung.“ Weitere Informationen über den Babenhäuser Fall und den Verein Monte Christo sind auf der Internetseite www.montechristo-ev.de zu finden.

Quelle: op-online.de

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