Rechtsanwalt möchte Antrag auf Wiederaufnahme stellen

Doppelmord-Prozess: Darsow hofft auf Schalldämpfer-Tests

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Ehefrau Anja Darsow sichtet zusammen mit Strafverteidiger Gerhard Strate Unterlagen.

Babenhausen - Achteinhalb Jahre ist es her, dass ein brutaler Doppelmord Babenhausen erschütterte. Vor gut sechs Jahren ist dafür der stets seine Unschuld beteuernde Nachbar Andreas Darsow zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Von Norman Körtge 

Sein Verteidiger Gerhard Strate möchte nun einen Wiederaufnahmeantrag stellen. Hauptentlastungsgrund: der angeblich selbst gebaute Schalldämpfer. Es ist nicht einfach, nach einer rechtskräftigen Verurteilung eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Die Strafprozessordnung hat dafür sehr strenge Anforderungen gestellt. Eine davon ist, dass neue Beweise vorliegen müssen. Und wie Christoph Kemp vom Verein Monte Christo nun mitteilen kann, ist sich der renommierte Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate sicher, genau diese vorlegen zu können, um den wegen zweifachen Mordes verurteilten Andreas Darsow zu entlasten. Spätestens im kommenden Frühjahr möchte er den Wiederaufnahmeantrag stellen, lässt er mitteilen.

Es wäre ein Etappenerfolg für den in Schwalmstadt inhaftierten Darsow, seine fest an die Unschuld glaubende Ehefrau Anja und den Verein Monte Christo. Der gründete sich nach der Verurteilung Darsows 2011, um ihm, aber auch allgemein alle zu unterstützen, die „unschuldig in die Mühlen der Justiz geraten“ sind. Dass es nach Anja Darsows Kontaktaufnahme zu Strate im Oktober 2012 nun so lange gedauert hat, liege unter anderem daran, dass der Rechtsanwalt pro bono arbeitet, also kein Geld verlangt. Immer wieder hätten andere Verfahren Vorrang gehabt, berichtet Kemp. Aber nun habe Strate viel Zeit investiert und „sich festgebissen“.

Strate ist zu der Überzeugung gekommen, dass sich die Tat nicht so zugetragen haben kann, wie es in der Urteilsbegründung nachzulesen ist. Demnach bezweifelt er, dass es jenen selbst gebauten Schalldämpfer gegeben hat und stützt sich dabei auf zwei Schusswaffensachverständige, die in seinem Auftrag unabhängig voneinander Versuche durchgeführt haben. Die Ergebnisse stimmen nicht mit den am Tatort sichergestellten Spuren überein.

Zur Erinnerung: Darsow soll eine großkalibrige Schusswaffe, eine P38, benutzt haben. Das Tatgeschehen beschreibt das Gericht als „überfallartig“ und „äußerst dynamisch“. Während der gesamten Tatausführung sei auf den Lauf der Pistole ununterbrochen, also bei der Abgabe aller zehn Schüsse, ein selbst gebauter Schalldämpfer aufgeschraubt gewesen, der aus einer mit Montageschaum gefüllten PET-Flasche bestanden habe.

Doppelmord in Babenhausen: Prozessauftakt

Wie Strate ausführt, stütze sich diese Annahme zum einen auf den im Urteil behaupteten Befund, es seien auf beiden Leichen feine Schaumstoffteilchen gefunden worden. Zum anderen hätten die Ermittlungen ergeben, dass von Darsows Computer bei seinem Arbeitgeber auf eine Internetseite zugegriffen wurde, auf der es eine Anleitung für den Bau eines derartigen Schalldämpfers gab. Allerdings kommt ein von Strate beauftragter IT-Gutachter, der sämtliche von der Polizei gesammelten Daten ausgewertet hat, zu dem Ergebnis, dass für den Zugriff vier Rechner in Frage kommen.

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Doch auf diesen Fakt wird es bei der Wiederaufnahme möglicherweise gar nicht ankommen, meint der Strafverteidiger. Er geht nach den Schussversuchen davon aus, dass es jene mit Bauschaum gefüllte PET-Flasche als Schalldämpfer nicht gegeben hat. Er begründet dies unter anderem damit, dass bei den Versuchen „ein massiver Austritt von Schaumstoff aus der Flasche“ festgestellt wurde. Auf den Leichen seien jedoch nur „feine Schaumstoffteilchen“ sowie ein winziges Stück Schaumstoff am Tatort gefunden worden. Außerdem wurde kein Plastik sichergestellt. Bei einer im Juli erneut durchgeführten Versuchsreihe rissen von zehn fest adaptierten Flaschen bereits nach drei oder vier Schüssen vier auseinander. Für Strate ganz entscheidend: Beim Schuss durch die mit Bauschaum gefüllte Flasche wird nicht nur Schaum herausgeschleudert, sondern auch sogartig in den Lauf der Pistole hineingezogen. Das habe zur Folge, dass spätestens beim dritten Schuss der Repetiervorgang unterbrochen wird, da die Patronenhülse verklemmt. Der Täter muss einzeln nachladen, was aber das im Urteil beschriebene schnelle, dynamische Geschehen unmöglich mache, heißt es in Strates Stellungnahme.

Indes ist für Andreas Darsow ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Im Juni wurde ihm sein erster, bewachter Freigang gewährt. Er durfte zum Geburtstag seiner Tochter ein paar Stunden mit der kompletten Familie verbringen.

Quelle: op-online.de

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