Doppelmord-Prozess: Tochter war Lebensmittelpunkt

Darmstadt/Babenhausen ‐ „Babenhausen ist nicht groß, da kennt man sich halt.“ Dieser Ansicht waren gestern mehrere Zeugen, die zum zweiten Verhandlungstag des Doppelmord-Prozesses vors Darmstädter Landgericht geladen waren. Von Veronika Szeherova

Die meisten von ihnen kamen aus der Nachbarschaft des ermordeten Ehepaars Toll und des Angeklagten Andreas D. Nachbarn aus derselben Straße sagten aus, dass auch sie häufig spitze Schreie aus dem Haus der Tolls gehört hätten. Der Kontakt sei aber schlecht gewesen, da Petra Toll „nie zu sehen war“ und Klaus Toll „Grundstücksverbot“ erteilt und den Nachbarn auch sonst den Alltag erschwert habe.

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„Ich habe diesen Menschen nichts angetan“

Etwa indem er Bälle von Kindern, die in seinem Garten landeten, im Auto verstaute. Mit der Tochter Astrid hätten sie aber öfter gesprochen, da sie „immer sehr nett und höflich“ gewesen sei und man mit ihr über kleine Alltäglichkeiten trotz ihrer autistischen Behinderung gut habe reden können. Sie habe ihre Eltern sehr geliebt. Und sie sei auch deren Lebensmittelpunkt gewesen.

In der Tatnacht wollen mehrere Nachbarn, auch aus weiter entfernt liegenden Straßen, zwei Schüsse gehört haben. Allerdings hätten sie sich nichts weiter dabei gedacht. Höchstens mal danach kurz aus dem Fenster geschaut, doch draußen sei es dunkel und ruhig gewesen.

„Klaus war ein sehr verschlossener Mensch.“

Die Familie des Angeklagten kannten einige nicht mal namentlich. Es habe also kaum Kontakt bestanden, nur hin und wieder kurze Wortwechsel über Belanglosigkeiten – teils aber auch, um über den „schwierigen“ Nachbarn Toll zu sprechen. Dabei seien auch die Worte „Lärm“ und „Ohrstöpsel" gefallen, die Andreas D. nachts benötigt haben soll, um Schlaf zu finden.

Auch die Geschwister des ermordeten Klaus Toll wurden gestern angehört. Obwohl sein älterer Bruder unweit von Babenhausen wohnt, hätten sie sich in den letzten zehn Jahren nur drei Mal gesehen. Nur wenig habe er gewusst über die familiären Verhältnisse, denn „Klaus war ein sehr verschlossener Mensch.“ Das Attribut „korrekt“ bis „überkorrekt“ fiel immer wieder, wenn es galt, den Ermordeten zu charakterisieren. Dass er Kontakte zur Rockerszene („Hell‘s Angels“) gehabt haben soll, kann sein Bruder sich nicht vorstellen: „Das passt nicht zu ihm.“ Verteidiger Christoph Lang hatte den Ermittlern vorgeworfen, in diese Richtung nicht gründlich genug recherchiert zu haben.

Auftragslage zuletzt schlecht

Wenig über die familiären Verhältnisse wusste auch die jüngere Schwester, die in Nordrhein-Westfalen lebt. „Wir haben regelmäßigen telefonischen Kontakt gehabt, aber Probleme in der Ehe oder ähnliches hat er nie erwähnt“, sagte die 56-Jährige aus. Lediglich darüber, dass die Auftragslage bei dem Immobilienmakler in der letzten Zeit schlecht war, habe er ihr anvertraut. Die Ehe und das Wesen ihres Bruders habe sie als „völlig unauffällig“ empfunden. „Das Wichtigste für ihn war Astrid“, betont sie. Stets habe er hervorgehoben, dass für seine Tochter gesorgt sein würde und er Geld für sie zurücklege. Allerdings hat die Kripo solches Geld nicht gefunden. „Unverständlich“ sei es für sie.

Erstmals waren echte Gefühle im Gerichtssaal zu spüren, es flossen bei ihr Tränen, als sie über ihre Nichte Astrid sprach: „Sie ist nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Ihre Psyche ist zerstört, seit sie ihre Bezugspersonen und ihr Zuhause verloren hat.“ Immer wieder frage die 39-Jährige, wann sie nachhause dürfe. Ob sie verstehe, dass ihre Eltern ermordet wurden, sei schwer zu beurteilen. Jedenfalls sei es nicht richtig, sie als Zeugin vor Gericht dazu zu befragen: „Das habe selbst ich als Bezugsperson mich noch nicht getraut.“

Quelle: op-online.de

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