Rechtsanwalt Gerhard Strate reicht Wiederaufnahmeantrag ein

Doppelmordfall: Ein „zu perfektes“ Urteil

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Auf der Pressekonferenz in Darmstadt zeigte Rechtsanwalt Gerhard Strate (Mitte) – rechts neben ihm Anja Darsow, links Steffen Otto, stellvertretender Vorsitzender des Babenhäuser Vereins Monte Christo – Videoclips der Schussversuche mit einem selbst gebauten Schalldämpfer, der aus einer mit Bauschaum gefüllten PET-Flasche hergestellt worden war.

Dramstadt/Babenhausen - Auf den Tag genau acht Jahre nachdem Andreas Darsow unter Mordverdacht festgenommen worden war, hat Rechtsanwalt Gerhard Strate gestern beim Landgericht in Darmstadt den Wiederaufnahmeantrag gestellt. Von Norman Körtge

292 Seiten stark ist die schriftliche Urteilsbegründung im Doppelmordfall von Babenhausen. „Es ist ein außerordentlich gut begründetes Urteil“, sagte Rechtsanwalt Gerhard Strate. Genau das habe ihn skeptisch gemacht. Es sei „zu perfekt“ erklärte der renommierte Anwalt aus Hamburg und meinte damit vor allem die darin beschriebenen Indizien. Allen voran jenen aus einer mit Bauschaum gefüllten PET-Flasche selbst gebauten Schalldämpfer, der bei der Bluttat im April 2009 verwendet worden sein soll. Ein „gänzliche anderes Bild“, so Strate, entstehe, wenn man zu dem Urteil die Videoclips der Schussversuche des Bundeskriminalamtes als auch die von eigens beauftragten Gutachter anschaue: Solch ein Schalldämpfer kann bei der Tat nicht verwendet worden sein, lautet Strates Fazit.

Zusammen mit Anja Darsow, Ehefrau des 2011 zu lebenslänglicher Haft – unter Festellung der besonderen Schwere der Schuld – verurteilten Andreas Darsow als auch Vorstandsmitgliedern des Vereins Monte Christo präsentierte Strate gestern in Darmstadt eine ganze Reihe dieser mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgenommenen Versuche. Sie zeigen vor allem eines: Bei jedem Schuss treten zahlreiche Bauschaumpartikel bis hin zu größeren Flocken aus. Am Tatort allerdings wurden nur Spuren im Milligramm-Bereich festgestellt und offensichtlich noch weniger gesichert. Jedenfalls kommt ein im Urteil genanntes Gutachten der BASF zu dem Schluss, dass es für eine Untersuchung zu wenig sei.

Darüber hinaus zeigen die Versuche, dass auch Plastikteilchen aus der Flasche herausgerissen werden. Solche wurden am Tatort ebenfalls nicht gesichtet. Wie im Übrigen auch überhaupt keine DNA-Spuren Darsows.

Wiederaufnahmegesuch des Andreas Darsow – Beschusstests des Sachverständigen Cachée (Hauptgutachten) from RA Dr. Gerhard Strate on Vimeo.

Auch hätten die Versuche gezeigt, dass sich – nicht wie in der Urteilsbegründung dargelegt – ein Schusskanal im PET-Flaschen-Schalldämpfer gebildet haben kann. Die Videosequenzen zeigen, dass der Bauschaum durch die unglaubliche Sogwirkung der verwendeten Munition komprimiert. Die Argumentation im Urteil sei damit „hinfällig“, sagte Strate. Und damit nahezu die komplette Beweisführung. Denn auch ein IT-Gutachten habe ergeben, dass nicht unbedingt von Darsows Firmencomputer aus Zugriff auf eine Schweizer Internetseite genommen worden sein muss, auf der jene Bauanleitung für den Schalldämpfer zu finden war. Mindestens vier Rechner kommen dafür in Frage – und der damalige Firmen-Administrator sei ein „Waffennarr“ gewesen, so Strate.

Doppelmord in Babenhausen: Prozessauftakt

Videos zum Doppelmordfall sehen Sie auf der Webseite von Gerhard Strate.

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Vor der Pressekonferenz in einem Darmstädter Hotel hatte Strate beim Landgericht Darmstadt den Wiederaufnahmeantrag eingereicht. Dieser würde nun mitsamt der Akten zum Landgericht nach Kassel gehen. Der Hamburger Rechtsanwalt, der unter anderem Monika Böttcher („Mutter Weimar“) und das bayerische Justizopfer Gustl Mollath vertreten hatte, schätzt, dass in Kassel in etwa sechs Monaten die Entscheidung fallen könnte, ob dem Antrag stattgegeben wird. Wenn ja, würde in Nordhessen auch der neue Prozess um den Doppelmord und den Verurteilten Andreas Darsow stattfinden.

Steffen Otto, stellvertretender Vorsitzender des 50 Mitglieder starken Babenhäuser Vereins Monte Christo, zeigte sich zufrieden: Auf den Wiederaufnahmeantrag habe der Verein jahrelang hingearbeitet: „Nun gilt es abzuwarten“, so Otto.

Quelle: op-online.de

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