Offene Gärten

Einblicke in grüne Refugien

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Noch trägt Hergershausen keine Bezeichnung als Rosendorf. Beim Anblick einiger Gärten, in denen Rosen, aber auch Clematis und andere Blumen blühen, scheint diese Bezeichnung aber längst überfällig.

Hergershausen - „Die Rosen sind ja der Hammer. Ist das hier eine Rosenstadt?“, fragt eine Frau sichtlich angetan von der Blütenpracht, die sich am Samstagnachmittag in vielen Farben und Düften vor ihr auftut. „Wir rühmen uns dessen noch nicht. Von Michael Just

Aber als kleines Rosendorf könnten wir mittlerweile sicherlich durchgehen“, antwortet Mathias Brendle.

Kurz darauf bekommt der Gartenbesitzer ein weiteres Kompliment: „Die Clematis scheint bei Ihnen besonders gut zu wachsen“, konstatiert eine Besucherin aus Rödermark und bescheinigt ihrem Gegenüber damit jenen grünen Daumen, den viele Gartenfreunde erfolglos anstreben. Auf das Lob reagiert der Ingenieur bescheiden und lüftet das scheinbar gar nicht so diffizile Geheimnis: „Es braucht vor allem Dünger, dann funktioniert‘s. Auf dem Bürgersteig haben wir nur einen Knochenstein rausgemacht und eine Kette zum Wachsen aufgehängt“, erklärt er.

Sinnengarten von Herigar

Am Wochenende war Hergershausen wieder der Ort der zahlreichen Komplimente: Die gingen im siebten Jahr an die Besitzer jener Gärten und Höfe, die ihr Reich für interessierte Besucher öffneten. Dabei traten zahlreiche grüne Refugien und Kleinode im größten Babenhäuser Stadtteil zutage, die sich sonst hinter großen Toren als privat verbergen. Vor allem die vielen Hofreiten sind es, die dem Dorf seinen reizenden Charme verleihen.

Integriert in das Programm war auch der neue Sinnengarten von Herigar, durch den ein Ranger des Naturparks Bergstraße-Odenwald führte. Des Weiteren öffnete der Verein sein Gartencafé „Storchenblick“ neben der Alten Schule. Zu besuchen war an beiden Tagen auch die Heidegalerie nebst Garten in Sickenhofen.

Dass es in allen Gärten reichlich blühte, war den Sonnenstunden der letzten Woche zu verdanken. Nur ein wenig Wärme reichte aus, dass die Natur regelrecht explodierte. „Man konnte dabei fast zugucken“, erzählt Maren Gatzemeier, die dem Vorstand von Herigar angehört und die offenen Gärten einst mitinitiierte. Mittlerweile zieht die zweitägige Veranstaltung Besucher bis von Darmstadt und Frankfurt an.

In diesem Jahr die große Zahl von 15 Teilnehmern

Aus Dieburg war Ottfried Müller gekommen. „Früher war mein Traumberuf Gartenarchitekt. Dann bin ich Bio-Lehrer geworden“, erzählt er schmunzelnd. Wer den 67-Jährigen mit seinem Bart und dem Foto um den Hals durch die Gärten streifen sieht, glaubt an einen Gartenexperten oder sogar einen Professor.

Schon im vergangenen Jahr schaute Müller hier vorbei, bei den Darmstädter Gartentagen ist er ebenfalls regelmäßiger Gast. Wie er sagt, sei Hergershausen mit seiner geschlossenen Bauweise im Dorfkern inklusive der hohen Mauern prädestiniert, Begeisterung auszulösen. Zusammen mit den Pflanzen ergebe sich daraus ein Gesamtensemble, das aufgrund dieser Struktur andernorts nicht zu kopieren sei.

Dabei erinnert Müller an sein Haus und seinen Garten im Dieburger Neubaugebiet: In Stadtrandlage erweise sich das als offen zu den Äckern. Das sei zwar ebenfalls schön, könne damit aber nicht jenen refugienartigen Charakter erzielen, den vor allem die Hergershäuser Breite Straße ausmacht.

Dieses Jahr verbuchten die offenen Gärten und Höfe die große Zahl von 15 Teilnehmern (2012 waren es acht). Mit dabei waren drei Neulinge, darunter die Familie Hoyer. Deren restaurierte Hofreite besticht durch einen großen Hof. Von 2001 bis 2005 wurde in der Schmiedegasse liebevoll saniert und im Anschluss der ehemalige Kuhstall zum Wohnen umgebaut. „Wir planen eigentlich schon seit ein paar Jahren mitzumachen. Bisher war das Haus aber noch nicht fertig oder jemand aus der Familie wurde krank“, erzählt Natalie Hoyer. Jetzt habe es endlich geklappt. Mit ihrer Teilnahme gaben die Hoyers gleich einen neuen Trend vor: An beiden Tagen luden sie zu einem Hoffest mit Verköstigung ein, am Samstag wartete sogar ein abendliches Musikangebot: Der Cousin spielte Akkordeon.

Bilder der offenen Gärten in Hergershausen von 2011

Offene Gärten locken Auswärtige

Auffallend waren die Weinstube und die Spezialität aus Slowenien mit Griebenschmalz auf Pizzateig. Auch die Familie Lange-Ciuffani bot mehr als „nur gucken“: In der Hofreite mit Kopfsteinpflaster und teilrestauriertem Fachwerk fand man reichlich Sitzgelegenheit unter Pavillons vor. Es gab Snacks, Live-Musik und kühle Getränke, die das „Hof 20 Team“ servierte. Hier scheint man, wie in der Nachbarschaft, einem neuen Bedürfnis nachzukommen: Das verlangt als Ergänzung zu Blumen und Stillleben eine gesellige Verweilmöglichkeit. Findet dabei noch ein klein wenig Bewirtung statt, scheint der Nachmittag bei den offenen Gärten und Höfen perfekt.

Bilder der offenen Gärten in Hergershausen 2010

Offene Gärten in Hergershausen

Quelle: op-online.de

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