Einblicke in längst Vergangenes

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Viele Interessenten wollten bei der jüngsten Führung der Schlossfreunde die neuesten historischen Erkenntnisse hören.

Babenhausen (mj) - „Es riecht schon nach Grundierung“, ruft eine Frau, nachdem sie das große Hoftor passiert hat. Als der Verein der Schlossfreunde Babenhausen zu einer Schlossbegehung vor seiner Hauptversammlung einlud, trauten die Verantwortlichen ihren Augen nicht. Von Michael Just

Die Ankündigung für die Mitglieder in der Zeitung hatte eine große Zahl weiterer Interessenten aus Privatleuten und von anderen Vereinen herbeigeführt. So hatte der Wiesbadener Bauhistoriker Dr. Hans-Hermann Reck rund 70 Personen vor sich, die die neuesten Erkenntnisse über das Schloss erwarteten.

„Die große Schar beweist, dass am Schloss nach wie vor ein riesengroßes Interesse besteht“, stellte der zweite Vorsitzende der Schlossfreunde, Klaus Mohrhardt, fest. Das Angebot von Reck beinhaltete keine allgemeine Schlossführung, sondern ging viel eher auf die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Schlosshistorie ein. Zum Schluss blieb dann doch ein kurzer Blick in einen der Flügel. Wie Reck berichtete, war es in jüngster Zeit möglich, durch Holzreste das Alter einiger Schlossbereiche noch näher zu bestimmen. Die seien älter als zunächst angenommen. An der westlichen Außenfront erlebten die Besucher einen Einblick, den es so schnell nicht mehr geben wird: Durch die abgetragene Fassade lag die Sicht auf das romanische Backsteinmauerwerk und damit auf die 800 Jahre alten Grundmauern frei.

Viele Bürger waren aber nicht nur gekommen, um den Veränderungen des Baus in der Spätgotik oder der Renaissance zu lauschen. Viele erhofften sich einen Blick auf den Stand der Sanierungsarbeiten. Den bekamen sie: Besonders beeindruckend zeigte sich der Fassadenbereich. Die Abendsonne schien golden auf die frisch angelegten Wände und ließ das Fachwerk mit seiner weinroten Farbe leuchten. „Die Fenster werden bald alle doppelt verglast sein“, kündigte Reck an. Beim Blick ins Schlossinnere wurde deutlich, dass hier der größte Teil der Arbeit noch bevorsteht. Dem Ursprungs-zustand gleich liegt die Jahrhunderte alte Baumasse mit Holzträgern und -bolen, deren Zwischenräume einst mit Naturmaterialien gefüllt wurden, an vielen Stellen offen. Zum Teil herrscht noch Einsturzgefahr. Dass hier bis Ende 2013 alles fertig sein soll, klingt äußerst ehrgeizig. Vom Luxus ist im angestrebten Kongresshotel mit Spa-Bereich, Tennisplätzen oder einem künstlich angelegten See ist derzeit noch wenig zu sehen.

Ukrainische Schlossbesitzer agieren mit eigener kleinen Baufirma

Trotzdem gehen laut dem Vorsitzenden der Schlossfreunde, Manfred Lautenschläger, die Arbeiten voran - wenn auch im Kleinen: So hätte man jüngst die Unterfangungen für das Restaurant im Gewölbekeller gemacht. Laut Lautenschläger dürfe man sich nicht vorstellen, dass hier ein Hoch-Tief-Unternehmen mit Kränen und Betonlastern am Werk ist. Vielmehr agiere der ukrainische Schlossbesitzer mit seiner eigenen kleinen Baufirma. Blickt der Vorsitzende auf die Arbeiten, sieht er den historischen Bau in den Händen des neuen Schlossbesitzers als die beste Lösung. „Bisher bin ich beeindruckt von den Arbeiten. Es zählt nicht primär, dass die Hotelzimmer fertig werden, sondern dass die historische Substanz erhalten wird.“ Dem einstigen Wunsch, das die Stadt das Juwel kauft, trauert man im Vorstand nicht mehr hinterher. Vielmehr betrachtet man das wichtigste Anliegen als erfüllt: „Wir wollten das Schloss in eine gesicherte Existenz überführen.“

Derzeit ist der Schlosszugang für den Verein ein seltenes Vergnügen und in der Regel nur einmal im Jahr möglich. Dafür gibt es Verständnis: „Durch die Baustelle mit ihren Sicherheitsauflagen geht einfach nicht mehr.“ So beschränken sich die Aktivitäten jährlich auf gerademal zwei Termine: Einen Stammtisch mit Vortrag sowie eine Mitgliederversammlung mit Schlossbegehung. Nach dem Verkauf des Schlosses stand sogar zur Debatte, ob der Verein sich auflöst. Man entschied sich zum Weitermachen. Jetzt wollen die Schlossliebhaber die Sanierungsmaßnahmen bis zum Ende begleiten. „Bleibt der Verein existent, wenn das Schloss Hotel ist, brauchen wir aber eine neue Satzung“, führt Lautenschläger an.

Kompromisse zwischen Bauherren und Denkmalschutzbehörde

Den engsten Kontakt zur Alfa-Consulting GmbH, die für den Schlossbesitzer die Sanierungen leitet, hält zweiter Vorsitzender Klaus Mohrhardt. Für das Blasorchester Babenhausen erreichte er schon, dass die Musiker im Anfangsstadium der Bauarbeiten im Schlosshof spielen duften. Doch wie ist das Verhältnis zum neuen Besitzer generell? Laut Reck unterscheiden sich bei der Sanierung manchmal die Wünsche des Bauherren von denen der Denkmalbehörde. Man arrangiere sich aber und komme zu einem Konsens. So wie bei einem Fachwerkbereich, den der Bauherr zum Anblick gerne freigelegt haben wollte, das Amt aber weiterhin dessen Schutz hinter einer Schieferverkleidung favorisierte. Hier wurde auf den Wunsch des Schlossbesitzes eingegangen. Bei der Sanierung wurden bisher zahlreiche kleine „Befunde“ entdeckt. Darunter sind Holzschnitzereien an Deckenbalken, aber auch Zeichnungen wie Wappen. Vieles wird künftig hinter Abdeckungen verschwinden. „Man kann in einem Hotelzimmer nicht alle rudimentären und damit manchmal nur noch schwach sichtbaren Befunde offen lassen“, sagt Reck mit Blick auf die Bestimmung des Hauses.

Ihr Verhältnis zur Alfa-Consulting GmbH bezeichnen die Schlossfreunde als gut. Laut den Worten Lautenschlägers agiere man zurückhaltend: „Wir sehen vorrangig, dass sich das Schloss im Privatbesitz befindet.“ Dazu zeige man Respekt vor der anderen Mentalität des Schlossherren. „Unsere Rolle ist derzeit eher passiv“, hebt der Versicherungsangestellte heraus. Dass man nur wenig Einblicke in die Arbeiten hat und kaum noch ins Schloss kommt, werde akzeptiert. „Unsere Aufgabe ist es nicht zu überwachen. Dazu wollen wir das Verhältnis nicht mit Forderungen überreizen“, ergänzt er. Vielmehr möchte man eine Brücken- und Mittlerfunktion zur Stadt und zu den Bürgern einnehmen.

In der Bevölkerung wünschen sich nicht wenige, dass öffentliche Vertreter stärker dafür eintreten, dass das Schloss zu Babenhausen gehört und den Menschen ein gewisser Zugang bleibt. Eine Forderung, die Mohrhardt anders sieht: „Ich verstehe, dass man dem alten Zustand nachtrauert. Jegliche Ansprüche bestehen aber nicht mehr und man muss endlich verstehen, dass es nicht mehr ,unser’ Schloss ist.“

Quelle: op-online.de

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