Einst Betriebswirt, nun Gewächshaus-Gärtner bei Harreshausen

Tomatenglück mit mehr als 50 Sorten

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Tomaten fürs leibliche und unternehmerische Glück: Alexander Heinrich baut in einem Gewächshaus der Familie Ankenbrand bei Harreshausen an.

Babenhausen - Etwa 5000 Tomaten-Pflanzen pflegt Alexander Heinrich in seinem angemieteten Gewächshaus in Harreshausen auf 2500 Quadratmetern. Insgesamt baut er dort 50 Sorten an. Von Jens Dörr 

„Das wesentliche Qualitätskriterium ist der Geschmack.“ Der Satz, den Alexander Heinrich im gepachteten Gewächshaus am Ortsrand von Harreshausen sagt, scheint eine Binsenweisheit zu sein. Denn worum sonst bitte soll es in erster Linie gehen, wenn jemand Tomaten anbaut – egal ob für den Hausgebrauch oder gewerblich? Wer indes schon häufiger mit Züchtern der reif meist roten, manchmal gelben und ab und an sogar grünen oder schwarzen Früchte des Nachtschatten-Gewächses gesprochen hat, hat gelernt: Die großen Produzenten, deren Tomaten das Angebot in den deutschen Lebensmittel-Märkten bestimmen, schauen vor allem auf Ertrag und Haltbarkeit. Entsprechend wenig Sorten – und selten die geschmacksintensivsten – landen in den Regalen. Ein Zustand, dem Heinrich etwas entgegensetzen und dabei seinen Lebensunterhalt verdienen möchte.

Der 49-jährige Aschaffenburger, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Babenhäuser Stadtteil in einem Gewächshaus der Familie Ankenbrand eingemietet hat, beendet in diesen Tagen seine dritte Erntesaison. Früher arbeitete er als Finanzfachmann unter anderem bei der Deutschen Bahn, 2010 zog er unter dieses Kapitel seines Berufslebens einen Schlussstrich. Der einstige BWL-Student ging mit Anfang 40 noch einmal in den Hörsaal, studierte Agrarwissenschaften in Gießen und befasste sich mit der Gärtnerei. Unter anderem in einem Frankfurter Betrieb, in dem 150 Sorten angebaut werden, schaute er den Praktikern über die Schultern – und legte vor drei Jahren mit den ersten eigenen Pflanzreihen in Harreshausen los.

Mehr als 50 Sorten baut Heinrich dort an. Unterstützt wird er in der Erntezeit zwischen Juni und Ende Oktober von zwei Saisonarbeitern sowie seiner Frau Sabine Sauermann. Die arbeitete ebenfalls in der Finanzbranche, zieht inzwischen aber ihrerseits die Arbeit mit dem Gemüse vor. Aus den reifen Tomaten – und den Erträgen von ein paar gleichfalls im Gewächshaus angebauten Paprika- und Chilipflanzen – kocht sie Soßen und Chutneys, veredelt einen Teil der Früchte. Und liegt mit ihrem Mann trotz klarer Arbeitsteilung beruflich erneut und nun doch ganz anders auf einer Wellenlänge.

Mehr als vier Dutzend Sorten und 5 000 Pflanzen also reifen auf 2 500 Quadratmetern unter der durchs Glas verstärkten Sonne. „Dieses Thema war am Anfang ein großes Problem“, gibt Alexander Heinrich zu. Bis zu 50 Grad warm könne es im Gewächshaus werden – deutlich zu warm für die meisten Tomaten. Die Auswahl der Sorten sei ebenfalls eine Herausforderung gewesen. Über 3 000 angemeldete gibt es weltweit. Die durch Privatzüchter kreierte „Dunkelziffer“ dürfte deutlich höher sein. In Harreshausen ist der „Lucky Tiger“ ebenso zu finden wie die „Zuckertraube“, das „Red Zebra“ oder die „Yellow Submarine“. An Einfallsreichtum bei der Benennung fehlte es den Botanikern nicht.

Flexibel denken und handeln muss auch der Unternehmer von „Main Tomatenglück“, wie Heinrich in Anlehnung an den Fluss durch sein Aschaffenburg wortgewandt die Firmierung gewählt hat. Denn „Schädlingsklassiker“ wie Fliege und Blattläuse fordern ebenso heraus wie der selbst auferlegte Verzicht auf Chemikalien innerhalb der verwendeten 70-Liter-Sackkultur mit Tropfbewässerung und der ebenfalls über zahllose Leitungen einzubringenden Düngerlösung. Auch der Zukauf der richtigen Samen will gut überlegt sein: Nur solche werden kultiviert und nachgezüchtet, die den Geschmackstest des Gärtners, seiner Frau und mitkostender Freunde bestehen.

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Womit das Schwierigste noch nicht erwähnt wäre: einen Ertrag zu erreichen, um mit dem Anbau tatsächlich Geld zu verdienen und „Main Tomatenglück“ auf Dauer am Markt zu halten. „Wir brauchen noch mehr Menge“, gibt Heinrich zu. 2018 soll die Ernte zusätzlicher Tonnen gelingen und erstmals die Gewinnzone erreicht werden.

Die Nachfrage beim Endverbraucher jedenfalls sei da, hat der Unternehmer festgestellt. Im Babenhäuser Ranishof werden die stets reif geernteten – und damit kürzer als die Supermarkttomaten lagerbaren – ganzen Früchte sowie Tomatensoße und Co. ebenso angeboten wie in einem Aschaffenburger Hofladen. Am wichtigsten sei derzeit aber der Direktvertrieb auf dem Aschaffenburger Wochenmarkt. Jene Sorten, die kleine Tomaten hervorbringen, kosten pro Kilogramm 7,90 Euro. Große und mittlere Früchte bekommt man für 6,50 Euro je Kilo.

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Genau in diesem Moment erntet Alexander Heinrich wahrscheinlich gerade die letzten Früchte des Jahres. Danach beginnt die Planung für die nächste Saison, in der der „Break-Even“ erreicht werden soll. „Wir müssen noch größer werden“, stellt der Unternehmer noch einmal heraus. Aber niemals um den Preis von Tomaten, die kaum nach ebensolchen schmecken.

Quelle: op-online.de

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