Mit Enkel auf Spurensuche in Langstadt

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Ellen Carmel (76) mit ihrer Enkelin Lior Meiersohn (22) sind am Grab von Samuel Lichtenstein, Spezereikrämer aus Langstadt, der 1904 gestorben war und einer ihrer Vorfahren ist. Extra aus Israel sind Großmutter und Enkeltochter angereist, um mehr über ihre Familiengeschichte zu lernen.

Babenhausen - Auf den Spuren ihrer Vorfahren war dieser Tage Ellen Carmel aus Israel unterwegs. Die 76-Jährige, die die Europareise mit ihrer 22-jährigen Enkelin Lior Meiersohn angetreten hatte, ist eine geborene Lichtenstein. Von Georg Wittenberger

Ihr Vater ist der 1892 in Langstadt geborene Moritz Lichtenstein, den es in den Lehrjahren nach Illingen verschlug und der 1927 Selma Simon in Saarlouis heiratete. In Babenhausen und Langstadt war der Besuch aus Israel auf Spurensuche. Dabei stand an vorderster Stelle ein Besuch des jüdischen Friedhofes in Babenhausen, auf dem zahlreiche Vorfahren von Ellen Carmel begraben sind. Und auch die 1998 an der ehemaligen Synagoge in Langstadt angebrachte Gedenktafel war ein Zielpunkt des nur wenige Stunden dauernden Aufenthalts.

Als junges Mädchen war Ellen bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Vater Moritz Lichtenstein einmal in Babenhausen gewesen, um die Gräber der Vorfahren zu besuchen. Damals habe der jüdische Friedhof nicht so gepflegt ausgesehen, erinnert sie sich. Durch wohl vielerlei Zufälle hatte dieser Teil der Familie Lichtenstein die Zeit des Dritten Reiches überlebt. Bereits im Jahr 1935 verließ die fünfköpfige Familie Saarlouis, um nach Frankreich zu ziehen. Straßburg war nur einer ihrer Aufenthaltsorte.

Im letzten Kriegsjahr trennten sich die Eltern von ihren Kindern, um ihnen eine Überlebenschance zu geben. Das Wagnis ging auf. Die Kinder kamen unter Vermittlung eines Rabbiners und eines katholischen Priesters in ein Kloster in Frankreich und wurden dort über ein Jahr unter anderem Namen versteckt. Die Eltern überlebten den Holocaust ebenfalls. Moritz Lichtenstein starb 1964 in Straßburg und ist auch dort begraben. Mutter Selma übersiedelte danach nach Israel zu den Kindern und starb 1990 in Jerusalem.

Ellen Lichtenstein heiratete 1962 in Jerusalem Abraham Carmel. Ihr Mann, vor zwei Jahren gestorben, war Übersetzer deutscher Literatur – unter anderen von Hesse und Kafka – ins Hebräische. Zwei Töchter sind in dieser Ehe entstanden. Ellen Carmel hat heute fünf Enkel.

Auf ihrer Deutschlandreise besuchten die beiden Frauen auch Pauline und Eva, die Frankfurter Freundinnen der Enkelin. Die Mädchen hatten sich auf einen Indientrip kennen gelernt. Wie in Israel üblich, hat Lior Meiersohn bereits ihren zweijährigen Wehrdienst bei der Armee abgeleistet.

Ellen Carmel hatte sich auf den Besuch in Babenhausen vorbereitet. Im Handgepäck hatte sie das 1988 erschienene Standardwerk „Die Juden von Babenhausen“ dabei. Und sie hatte zudem Fotos mit, die 1991 in Babenhausen entstanden waren. Damals war ihre älteste Schwester, Ruth Baroth, zu Besuch in der Gersprenzstadt.

Ruth Baroth, heute 81 Jahre alt, war früher in der Nationalbibliothek in Jerusalem beschäftigt. Zu ihrem Arbeitsfeld gehörte, den Eingang der fremdsprachigen Literatur zu sichten. Dabei war ihr das Buch über die Juden in Babenhausen in die Hände gefallen, das seinerzeit letztlich Anstoß war, Kontakt aufzunehmen und Babenhausen zu besuchen. Ihre jüngste Schwester hat dies nun wiederholt.

Quelle: op-online.de

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