Wo die Erdbeeren blühen

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„Kleingärtner-Latein“: Reinhold Kruschina und Siegfried Plischke (von links) begutachten die Entwicklung der Pflanzen.

Babenhausen ‐ „Diesen Winter ist viel kaputt gegangen“, sagt Siegfried Plischke und deutet auf den Brombeerstrauch, dessen Ruten farblich statt eines frischen Grüns ein abgestorbenes Braun zeigen. Von Michael Just

„Dafür blühen schon die Erdbeeren“, hellt sich seine Mine im nächsten Moment wieder auf. Im Babenhäuser Kleingartenverein (KV) herrscht derzeit reges Treiben. „Letztes Jahr hatte ich um die Zeit schon Kopfsalat“, fährt der Rentner fort. Seit 45 Jahren pflanzt und erntet er bereits und ist damit der älteste Pächter in der Kolonie. Ob Zwiebel, Mohrrüben, Erbsen, Bohnen, Gurken, Tomaten, Rot- und Weißkohl, Paprika, Sellerie, Porree, Erdbeeren oder Kartoffel, es gibt nichts, was der 76-Jährige nicht kultiviert. Selbst arbeitsaufwendige Kartoffeln stecken bei ihm im Boden. Drei Zentner zieht er raus, womit auch Sohn und Tochter das ganze Jahr versorgt sind.

Seit 1923 gibt es den KV. Aufgeteilt ist das Areal, das vom Forst Hessen gepachtet ist, in 67 Parzellen von durchschnittlich 300 Quadratmetern. „Wir haben rund 100 Mitglieder, aber solche wie den Siegfried gibt es kaum noch“, sagt Vorsitzender Reinhold Kruschina. „Die Jungen wollen nichts mehr anpflanzen, weil das Arbeit ist und es die Sachen im Supermarkt billiger gibt. Denen wäre ausschließlich Rasen für die Freizeit am liebsten“, führt er an. Das verstoße aber gegen die Satzung, da man dann nicht mehr als gemeinnützig gelte. Diese sieht ein Drittel der Parzelle für Laube und Rasen sowie zwei Drittel für den Obst- und Gemüseanbau vor.

Den Trend weg vom Nutzgarten versteht Plischka nicht: „Was nützt mir der Rasen? Wenn ich anpflanze, weiß ich doch, was ich habe“, sagt der Rentner, der sogar noch die Kartoffelkäfer mit der Hand abliest. Seine Meinung teilen heute aber nur noch wenige, auch weil die meisten der ehemals passionierten Genossen ihren Garten abgegeben haben oder gestorben sind. Der Wandel wird nicht zuletzt bei den Festen deutlich: Wurde früher manchmal bis zu drei Tage gefeiert, kam das legendäre „Wurzelfresserfest“ am Vatertag im letzten Jahr mangels Helfern nicht zustande. „Manchmal finden Feste statt, während parallel im Garten gegrillt wird“, beschreibt Kruschina den neuzeitlichen Individualismus.

Wer eine Parzelle pachtet, hat im KV eine Reihe von Regeln zu beachten: So dürfen keine Nutztiere gehalten werden, Hunde sind stets anzuleinen. Auch ein fest installiertes Schwimmbad ist nicht möglich. „Manche grillen jeden Tag und verbrennen dabei ihre Gartenabfälle gleich mit“, erzählt Kruschina. Auch Lautstärke sei ein Problem. So ist er als Vorsitzender regelmäßig als Schlichter unterwegs, denn Nachbarschaftsstreitigkeiten bleiben auch beim KV nicht aus. Die Ruhe ist auch Plischka heilig, denn der Garten stellt im Sommer für den ehemaligen Schreiner und seine Frau ein fast tägliches Refugium außerhalb der Mietswohnung dar. Da wird dann Kaffee getrunken, Karten gespielt und die Sonne genossen. Insgesamt liegen die Füße aber nur selten hoch. Die Gartenpassion wird unter anderem an der Größe der Beete deutlich: Die messen exakt 90 Zentimeter. „Da kann man von beiden Seiten gut ran“, sagt der Experte. Die Genauigkeit hat er von seinem Großvater geerbt, der damals in Schlesien noch mit dem Zollstock pflanzte.

Überall wo Kleingärtner zusammenkommen, gehört der interessierte Blick auf die Ernte des Nachbarn dazu. „Fällt die größer aus, wird Obst oder Gemüse untereinander getauscht“, erzählt Kruschina. Ausgetauscht werden auch Gartentipps, über die Plischka mit einem Erfahrungsschatz von 45 Jahren reichlich verfügt: So düngt er mit gemahlenem Hühnerdung oder setzt die jungen Salattriebe in Eierpappkarton: „Das hält die Feuchtigkeit, die wachsen dann ruckzuck.“

Gut kann er sich noch daran erinnern, dass er belächelt wurde, als zwischen seinen Kohlköpfen Studentenblumen wuchsen. Erst auf Nachfrage schauten einige Vereinskollegen dann mit großen Augen, als sie erfuhren, dass die „Tagetes“ (im Volksmund auch als „Stinkerchen“ genannt), durch ihren Geruch die Zwiebelfliege fern hält.

Quelle: op-online.de

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