Museumsleiter und Stadtarchivar Georg Wittenberger

Erforscher von Babenhausen

In der Bibliothek im Territorialmuseum verbringt Georg Wittenberger ebenfalls viel Zeit. Führungen durch das ehemaligen Amtshaus der Gaylinge von Altheim kann er wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht anbieten.
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In der Bibliothek im Territorialmuseum verbringt Georg Wittenberger ebenfalls viel Zeit. Führungen durch das ehemaligen Amtshaus der Gaylinge von Altheim kann er wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht anbieten.

Georg Wittenberger, Babenhausens Stadtarchivar, Museumsleiter und Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, ist eine Institution.

Babenhausen – „Ich bin Babenhäuser mit Migrationshintergrund“, sagt Georg Wittenberger, Babenhausens ehrenamtlich arbeitender Stadtarchivar und Leiter des Territorialmuseums scherzhaft. Als Kriegskind 1944 im nordböhmischen Aussig geboren, musste sein Vater als österreichischer Staatsbürger 1948 erst ins neutrale Schweden auswandern, bevor er mit seiner Familie 1951 in Offenbach sesshaft wurde. Seit 1974 bewohnt Wittenberger ein schönes Häuschen im Wohngebiet Ost und prägt die Kulturarbeit der Region wie kaum ein zweiter.

Der gelernte Diplom-Biologe und langjährige Redakteur versteht es auch im Dornröschen-Schlaf von Corona-Zeiten, kulturelle Belange im Gespräch zu halten. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung ist sein Stadtarchiv im altehrwürdigen Burgmannenhaus („die Burg“) offen zu halten. Jeden Samstag von 10 bis 13 Uhr kann er immer je zwei Mitbürger, Schüler, Konfirmanden, Heimatkundler oder Studenten inmitten vieler laufenden Meter von Akten zur Stadthistorie empfangen und beraten. „Hier befindet sich das Gedächtnis der Stadt“, sagt Wittenberger, „aber wir werden irgendwann hier raus müssen, da der Platz für alle Akten kaum noch ausreicht.“

Territorialmuseum in Babenhausen wurde 2014 eröffnet

Einige Zeit vor ihm, im Deutschen Reich vor dem 2. Weltkrieg, residierte im alten Hof mit dem Treppengiebel Unternehmer Schöberl mit „Cellba“ (Celluloid Babenhausen), dem deutschlandweit zweitgrößten Unternehmen zur Puppenherstellung. Daran erinnert das Nixenwappen in der Wand, das die Marke bekannt machte. Das von Wittenberger und seiner 2020 verstorbenen Ehefrau Ute mit Ehrenbürger Dieter Aumann konzipierte und aufgebaute, 2014 eröffnete Territorialmuseum im ehemaligen Amtshaus der Gaylinge von Altheim ist in Lockdownzeiten geschlossen. Das bedrückt den leidenschaftlichen Heimatforscher, der über 50 Bücher zur Historie, Natur- und Heimatkunde des Residenzstädtchens und deren Grafschaft Hanau-Lichtenberg veröffentlicht hat.

Die Stockwerke im Territorialmuseum sind übersichtlich aufgebaut zu Vor- und Frühgeschichte, zu Mittelalter und Renaissance sowie dem 19./20. Jahrhundert. „Wir sind als erstes Babenhausener Museum kein Heimatmuseum im alten Sinne. Auch mit den farbig abgesetzten Räumen im Obergeschoss und vielen Hörstationen und Dokumentationen sind wir ein modernes Museum zum Lernen und Erleben, für das man sich Zeit nehmen sollte. Hier wird Wissen erhalten, das sonst verloren gehen würde, das ist auch für die Demokratie wichtig.“

Das Burgmannenhaus beherbergt das Stadtarchiv.

Engagiert hat sich Wittenberger auch beim frühgeschichtlichen Hügelgrab, das man beim Harreshausen im Wald finden kann, nicht weit vom Naturdenkmal Stieleiche. Was man mit Infotafel vor Ort sieht, kann man an dort gefundenen Grabschätzen im Museum ausbauen. Denkbar ist diese große, von einer Stiftung getragene Palette an Regionalhistorie nicht ohne weitere Sponsoren. Das Haus „mit Alleinstellungsmerkmal“ ist das Glanzstück des rührigen Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen, den Wittenberger 1984 mitbegründet hat und dessen Vorsitzender er jetzt ist. Dazu ist er Vorsitzender des Naturschutz- und des Denkmalschutzbeirates des Landkreises.

Von Offenbach nach Babenhausen

Dabei bleibt der an seiner Haar- und Barttracht durchaus erkennbare „Alt-68er“ bescheiden: „Ich wollte nie Karriere machen.“ Seiner Heimatstadt diente er in den 90er Jahren auch als ehrenamtlicher Stadtrat, der auch mal den gerade abwesenden Bürgermeister vertrat, und als Stadtverordneter. Dass er über 50 Jahre seiner Partei, der FDP, die Treue hält, passt zu Wittenberger, der schon immer „etwas gegen absolute Mehrheiten hatte“ und politische Korrektive für essenziell hält. Im feinen Demokratieverständnis profitiert er von liberalen Lehrmeistern seiner früheren Heimatstadt Offenbach. Auch dort hinterlässt er als Macher des Offenbacher Naturkundevereins nach wie vor Spuren und hat über die vielfältige Flora auf und um den Schneckenberg herum ein beachtliches Werk geschrieben. Dass er viel und gerne schreibt, erklärt der Fleißig mit seiner Familie: „Mein Großvater, ein böhmischer Schriftsetzer, war Erzähler und schrieb historische Novellen. Mein Vater, Chemiker in Offenbachs Naphtol-Chemie, schrieb für Fachzeitungen und zuvor ein Lehrbuch für Ingenieure. Als ich nach meinem Diplom an der Frankfurter Goethe-Uni keine Anstellung als Biologe fand, wurde ich freier Mitarbeiter der Offenbach-Post. Über eine Stelle bei der FAZ kam ich zum Hanauer Anzeiger, wo ich 33 gute Jahre als Redakteur verbrachte.“

Jetzt widmet der Vater dreier Kinder und Großvater von vier Enkeln seiner Heimatstadt viel Zeit. Dabei fehlt ihm sehr seine Ehefrau Ute, ehemals Lehrerin für Deutsch und Französisch und als Ruheständlerin auch Stadtführerin. Mit ihr tat Wittenberger viel für die Städtepartnerschaft mit Bouxwiller im nördlichen Elsass, einst wie Babenhausen zentraler Ort des nicht unbedeutenden Hanauer Landes. Für sein Engagement erhielt der Naturwissenschaftler eine französische Ehrenmedaille, die ihm längst auch in hiesigen Landen zustehen würde. Wer einmal seinen 2011 gemeinsam mit seiner Frau erarbeiteten Bildband „Babenhausen – Zwischen Tradition und Fortschritt“ in den Händen hält, sieht, wie viel Liebe und Zuwendung der Autor für seine Region hat. Faszinierend sind auch seine sachkundigen Auflistungen der Kunst- und Naturdenkmäler in Südhessen mit akribisch erarbeiteten „Bio-Top-Touren“, seine Wandervorschläge mit naturkundlichem und historischem Hintergrund, seine „Cellba“-Puppenhistorie „Im Zeichen der Nixe“ oder sein „Stadtlexikon Babenhausen“. Georg Wittenberger zeigt sich darin nicht nur als wandelndes Lexikon und Schreiber mit Herz und Sprachgefühl. Der sensible Mann ist letztlich eine Institution, ohne die man sich die Kernstadt Babenhausen und seine Ortsteile überhaupt nicht vorstellen kann. (Reinold Gries)

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