„Erinnerung wachhalten“

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Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die „Stolpersteine“ in Langstadt.

Langstadt - Hellgelb scheinen sie im dunkelgrauen Pflaster hervor. Mal sind es vier, mal fünf kleine Quader – 13 sind es insgesamt. Sie liegen an drei Stellen in der Hauptstraße und der Hintergasse. Von Stefan Scharkopf

Langstadt ist der erste Stadtteil Babenhausens, in dem sogenannte Stolpersteine verlegt wurden. Im kommenden Jahr ist Sickenhofen an der Reihe. „Stolpersteine“ sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Vor dem letzten selbst gewählten Wohnort jüdischer Bürger, die vom NS-Regime verfolgt wurden, werden kleine Gedenktafeln aus Messing in den öffentlichen Gehweg eingelassen.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig, der Initiator für dieses Projekt. Mit den Steinen vor den Häusern soll die Erinnerung an die Menschen lebendig bleiben, die einst hier wohnten. Dort verlegte Demnig die 13 Messingsteine. Sie erinnern an die Schicksale der Bürger, die wegen ihrer Religion verfolgt und teils ermordet wurden.

Sechs jüdischen Langstädtern, Angehörige der Familie Lichtenstein aus der Hintergasse 7 sowie Max und Gertrud Österreich aus der Hauptstraße 35, gelang 1938 die Flucht in die USA. Das Schicksal von Sara Oestrich, die 1941 deportiert wurde, ist unbekannt. Sechs Bürger, Berta Aumann, Bernhard Fuld, Isidor, Karola, Rosa und Erich Isaak Lichtenstein wurden in Vernichtungslagern ermordet. Erich Lichtenstein war gerademal sechs, seine Schwester Karola acht Jahre alt.

Die Messingtafeln schildern das Schicksal jüdischer Familien.

Der Langstädter Ortsbeirat hatte vor etwa einem Jahr die Idee des Künstlers aufgegriffen und fand im Magistrat der Stadt und in Sylvia Klötzel von der Verwaltung Unterstützung. „Wenn die Namen der jüdischen Bürger vergessen worden wären, hätten die Nazis ihr Ziel erreicht“, sagte Ortsvorsteher Günther Eckert. Die 1 500 Euro, die die Stolpersteine kosten, wurden durch Ortsbeirat und Magistrat, zum größten Teil aber durch Spenden aus der Bevölkerung bezahlt.

„In den vergangenen Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich vieles zum Positiven verändert“, sagte Bürgermeisterin Gabi Coutandin, „aber der Antisemitismus ist immer existent und hat sich lediglich den Gegebenheiten angepasst. Rechte Parolen finden auch heute gerade bei Jugendlichen vielfach Gehör.“ Diese Entwicklung zeige, dass man nicht aufhören dürfe, die demokratischen Werte offensiv zu verteidigen.

Ortsbeiratsmitglied Frank Ludwig Diehl sagte, dass es auch Stimmen gebe, die über die NS-Zeit am liebsten den Mantel des Vergessens ausbreiten würden. Die Erinnerung an die Zeit müsse aber wachgehalten werden.

Langstadt hatte nur eine kleine jüdische Gemeinde. An Einrichtungen gab es eine Synagoge, die in der Reichspogromnacht 1938 durch SA-Leute verwüstet wurde. 1964 wurde die ehemalige Synagoge abgebrochen und an ihrer Stelle ein neues Wohnhaus erstellt. Eine Gedenktafel erinnert an die NS-Zeit. Die Julius-Lichtenstein-Straße ist nach dem letzten Vorstand der jüdischen Gemeinde be-nannt.

Mittlerweile wurden knapp 40.000 „Stolpersteine“ in 865 Orten Deutschlands und 13 weiteren europäischen Ländern verlegt.

Quelle: op-online.de

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