Exkurs in die Ortshistorie

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Von der Kirche ging es auf die insgesamt zwölf Kilometer lange Tour.

Sickenhofen - Auf Einladung der Feuerwehr starteten Sickenhofer Bürger an der Kirche zum traditionellen Waldspaziergang. Ziel war das Pflanzenhäuschen am Eppertshäuser Weg, wo die Teilnehmer sich am Feuer mit Würstchen, Kuchen und heißen Getränken stärkten. Von Petra Grimm

Unterbrochen wurde der insgesamt zwölf Kilometer zählende Rundgang in diesem Jahr durch einen Stopp am jüdischen Friedhof von Sickenhofen, wo der Feuerwehrvorsitzende Norbert Kolb einen Exkurs in die Geschichte der früher im Dorf lebenden Juden und ihres Friedhofs unternahm.

„Im Regierungsbezirk Darmstadt existieren noch 144 jüdische Friedhöfe, von denen 113 als sogenannte verwaiste Friedhöfe gepflegt werden“, sagte Kolb. Zu diesen Friedhöfen, auf denen keine Bestattungen mehr vorgenommen werden, gehört auch der Sickenhöfer Judenfriedhof, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegt wurde. Im Gegensatz zu den christlichen Grabstätten findet sich auf den jüdischen kein Blumenschmuck, wie Kolb erläuterte: „Nach den rituellen Vorschriften der mosaischen Religion soll der Friedhof Sinnbild der Vergänglichkeit alles Lebenden sein. Die Grabstätten sind deshalb schlicht zu halten, jeder Prunk ist zu vermeiden. Kränze und Blumengebinde sind nicht erlaubt.“ Der Friedhof soll sich harmonisch in die ihn umgebende Landschaft einfügen und die Ruhe der Toten gewährleisten. Die Betreuung beschränke sich deshalb im Wesentlichen auf die Sicherung und Pflege der Anlage, das heißt die Einfriedung mit einem verschließbaren Tor und die Unterhaltung der Wege und Bepflanzung, so Kolb.

Der älteste erhaltene Grabstein auf dem Sickenhöfer Judenfriedhof stammt aus dem Jahr 1741, der jüngste aus dem Jahr 1937. Insgesamt sind noch 139 Steine erhalten. In der NS-Zeit und auch nach 1945 wurden die Gräber mehrfach geschändet. „Schwere Verwüstungen gab es im Jahr 1983, was wohl die Richtungsänderung der jüngsten Grabsteine erklärt“, sagte Kolb.

Die Geschichte der Juden in Sickenhofen lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Gemeinde existierte bis in die 1930er Jahre. „Erstmals werden um 1 600 Juden am Ort genannt. Ihre Zahl nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts zu, so dass die Ortsherren von Groschlag zu Dieburg 1688 verfügten, dass in Hergershausen und Sickenhofen nur noch eine geringe Zahl von jüdischen Einwohnern geduldet werden sollte. Tatsächlich kam es auch zu Ausweisungen von Juden, unter anderem um 1712/15“, sagte Kolb. 1732/33 werden vier jüdische Einwohner genannt. Im 19. Jahrhundert lag der Anteil der jüdischen Bevölkerung zeitweise bei fast 16 Prozent. Ihre Familiennamen waren Frank, Fuld, Oppenheimer, Rothschild, Ullmann und Kahn. Als Berufe werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Metzger, Spezereikrämer, Handelsmann, Viehhändler, Ellenwarenhändler, Sattler, Uhrmacher, Lumpensammler, Federhändler und Geflügelhändler genannt. Die ehemalige Synagoge befindet sich als Gebäude heute noch in der Wacholdergasse. Im Ersten Weltkrieg fielen vier Mitglieder der jüdischen Gemeinde. 1933 lebten noch zwei Familien, insgesamt acht Personen, im Dorf und zwar die Familie des Viehhändlers Gustav Kahn und des Metzgers Julius Frank. „Die Familie Kahn ist, nachdem Gustav Kahn viele Schikanen und beim Novemberpogrom 1938 in Babenhausen schwerste Misshandlungen zu erleiden hatte, 1939 nach Frankfurt gezogen und 1941 in die USA emigriert“, sagte Kolb. Von den in Sickenhofen geborenen oder länger im Ort lebenden Juden sind 14 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden und umgekommen.

‹ Weitere Informationen finden sich in dem 1988 von Dr. Klaus Lötzsch und Georg Wittenberger im Auftrag des Heimat- und Geschichtsvereins herausgegebenen Buch „Die Juden von Babenhausen. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden von Babenhausen, Langstadt, Sickenhofen und Hergershausen“.

Quelle: op-online.de

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