Fachwerkhäuser mit Durchschuss

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Beim Rundgang durch die Altstadt lernen Einheimische und Gäste von außerhalb einiges dazu. Ine Reichart (Zweite von rechts) erklärt auf ihren Touren die Besonderheiten des Fachwerks.

Babenhausen - Die Aufschrift auf dem Umhängebeutel von Ine Reichart ist Programm: „Deutsche Fachwerkstraße“ steht da. Das dazugehörige Logo ruft in Erinnerung, dass Babenhausen genau an dieser Straße zwischen Stade und dem Bodensee liegt, die einzigartige Zimmermannskunst bietet. Von Michael Just 

Bekanntermaßen lassen sich auch in der Babenhäuser Altstadt mehrere architektonische Juwele finden. Jetzt hatte sich Ine Reichart, Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein, für auswärtige und heimische Gäste eine ganz besondere Führung ausgedacht: Unter dem Titel „Wilde Männer, Knaggen und Nasen“ rückten in besonderer Weise die alten Fachwerkhäuser der Gersprenzstadt in den Mittelpunkt.

Schon gleich nach ein paar Metern in der Schlossgasse konnte in die Materie eingestiegen werden, welche Techniken es für die Errichtung von Fachwerkhäusern einst gab. An einem Haus zog sich ein dicker, senkrechter Eichenbalken komplett von oben nach unten durch. „Man sagt dazu, er wurde durchgeschossen. Davon ist wohl auch der Begriff Geschoss abgeleitet“, erläuterte die Expertin. Mitte des 15. Jahrhunderts war es schick, dass der zweite Stock übersteht. Das ließ sich dadurch bewerkstelligen, dass jede Etage für sich gezimmert wurde. In Rothenburg wachsen diese Überhänge über der Straße fast zusammen. Der Vorteil dieser Bauweise: Platzgewinnung und ein Unterstand, wenn es regnet. Abgestützt wurden jene Überhänge durch die sogenannten Knaggen. 100 Jahre später war diese Mode schon wieder vorbei und glatte Flächen wurden bei den Hauswänden bevorzugt.

Immer wieder wurde beim Bau des Fachwerks alles andere als gerade Stämme verwendet, was schiefe Fußböden und Wände brachte. „Mit einer Einbauküche wäre es damals oft schwierig geworden“, scherzte Reichart. Die Verstrebungen, die das Fachwerk aussteifen, sind auch in Babenhausen immer wieder so gestaltet, dass Funktion und Ästhetik zusammenfinden. Das wird an den Mann-Figuren oder den Feuerböcken deutlich. Beim Mann, wo die Balken so angebracht sind, dass sich in grober Form Beine oder ausgestreckte Arme erkennen lassen, wird regional unter anderem zwischen Mann, Halber Mann, Mann mit Fuß und Kopfband, Wilder Mann, Hessenmann, Schwäbisches Männle, Schwäbisches Weible und Schwäbisches Kindle unterschieden. Die Nasen sind kleine, kunstvolle Vorsprünge im Holz, die bei der Bearbeitung der Balken eingearbeitet wurden. Reichard demonstrierte an einem kleinen Modell, das sie in ihrem markanten Beutel aufbewahrte, wie die Holzbalken zusammengefügt wurden und dabei durch Verblattung oder Verzapfung Festigkeit erreicht wurde.

Ostermarkt in Babenhausen

Ostermarkt in Babenhausen

Ein älterer Mann aus Frankfurt zeigte mit seiner Frau besonders viel Passion für Heimatkunde: „Wir suchen uns regelmäßig eine Stadt in der Region raus, die wir uns anschauen.“ Wie er erläuterte, schreibe er dazu im Vorfeld die Rathäuser an, um zu Informationen bekommen. Ganz wichtig ist ihm dabei ein Stadtplan. Während der Führung löste bei ihm dann die Information Begeisterung aus, dass Babenhausen ein neues Museum besitzt. „Das habe ich vorher nicht gewusst“, sagte der Gast aus der Mainmetropole überrascht und erfreut zugleich. Dem Wunsch von ihm und anderen Mitgliedern der Gruppe, nach dem Exkurs über die Fachwerkkunst einen Blick ins Museum zu werfen, kam Ine Reichart damit nach, dass sie ihre Führung direkt vor der Amtsgasse 32 beendete.

Quelle: op-online.de

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