Zur Feier ihres 40-jährigen Bestehens

Eduard-Flanagan-Schule lädt zur Podiumsdiskussion ein

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Was wird aus den Förderschulen in Zeiten der Inklusion? Diese Frage widmete sich zum Jubiläum eine Podiumsdiskussion. Von links Schuldezernent Christel Fleischmann, Monika Glück-Arndt (Verband Sonderpädagogik), Moderatorin Margarete Sauer (ehemalige Schulleiterin des Max-Planck-Gymnasium Groß-Umstadt) sowie die Mütter Jeanette Brödder und Katja Spielmann.

Babenhausen - Ihren 40. Geburtstag hat am Freitag die Eduard-Flanagan-Schule (EFS) gefeiert. Das Schulfest wurde dabei für eine ganze Reihe an Aufführungen und Präsentationen genutzt. Von Michael Just 

Die Einleitung fand recht ungewöhnlich statt: Eine Podiumsrunde stellte die Herausforderungen um das große Thema Inklusion heraus. Für die Feier erbrachten Schüler, Lehrer und Hausmeister eine beachtliche Leistung: „Schließlich stand bis 11 Uhr der letzte Tag der Projektwoche an. Danach haben wir uns direkt an den Aufbau gemacht“, erzählt Karen Burkholder, die als Lehrkraft eine der Intensivklassen betreut. Unter anderem wurden die Ergebnisse der Projekte präsentiert, ein Seifenkistenrennen vorbereitet oder der Rahmen für die Musik-, Gesangs- und Tanzbeiträge geschaffen. Im „Ehemaligen-Café“ tauschten sich einstige Schüler aus. Einen Strich durch die Rechnung machte der strömende Regen: Diverse Vorhaben mussten nach drinnen verlagert werden, was Improvisationstalent verlangte.

Zum Geburtstag wollte die Schulleitung aber nicht nur feiern und auf vier Jahrzehnte Förderschularbeit zurückblicken. Grund dafür ist in erster Linie die Inklusion, die das politische Ziel verfolgt, Ausgrenzung zu verhindern. In der Folge soll es zwischen Regel- und Sonderschulen keine Trennung mehr geben und aus bisher zwei Gefügen ein inklusives Gesamtsystem erwachsen. Mit Blick auf die Zukunft der EFS steht deshalb ein großes Fragezeichen. Doch wie leicht, oder besser gesagt wie schwer, lässt sich Inklusion überhaupt umsetzen? Mit einer Podiumsrunde sollte direkt vor dem Schulfest Licht in ein Thema gebracht werden, das die Schullandschaft in Deutschland nachhaltig verändert. Mit acht Köpfen, darunter dem stellvertretenden Landrat und Schuldezernenten Christel Fleischmann oder Dietel Eitel vom staatlichen Schulamt, war die Gästeliste für die 90-minütige Fragerunde gleichermaßen stark wie kompetent besetzt. Der Titel: „Gemeinsam in die Zukunft!?“. Ausrufe- und Fragezeichen waren dabei nicht zufällig gewählt.

Zum Podium gehörten zwei Mütter mit förderungsbebedürftigem Nachwuchs. Während sich Jeanette Brödder (Habitzheim) bei ihrem Kind für eine Regelschule mit inklusivem Angebot entschied, wählte Katja Spielmann (Babenhausen) gezielt die EFS und damit eine Förderschule. Beide Elternteile bereuten ihren Entschluss bisher nicht: „Man gibt den Schülern Zeit, was sehr wichtig ist. So kann die Eingangsstufe problemlos wiederholt werden“, sagte Brödder. Zudem seien die Schulbegleiter für alle da, womit niemand bei deren Inanspruchnahme an den Rand gestellt wird. Spielmann hob heraus, dass sie und ihr Mann das Risiko von Beginn an vermeiden wollten, dass das eigene Kind dem Druck an einer Regelschule nicht gewachsen sei. „Eine Lernhilfeschule sieht Stärken und Schwächen besonders gut. Die individuelle Förderung findet weitaus gezielter statt“, erklärte sie die Entscheidung. Bisher hätte die sich als richtig erwiesen: „Unser Kind macht Fortschritte und geht gerne zur Schule.“ Wie Peter Baumann, Leiter der Eduard-Flanagan-Schule erklärte, ist es wichtig, darauf zu achten, wie stark sich ein Schüler mit den Kameraden vergleicht und in Konkurrenz tritt. Sei dies in erhöhtem Maße der Fall, dürfte eine Regelschule weniger vorteilhaft sein. Das Kind könnte sich zurückgesetzt fühlen und einen niedrigeren Stellenwert aus seiner Lernumgebung ziehen. „Vor allem der Wohlfühlfaktor nimmt eine entscheidende Komponente ein. Er verhindert ein Zurückziehen bis hin zu Aggressionen“, verdeutlichte Baumann.

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Kreis-Schuldezernent Christel Fleischmann hob heraus, dass die Umsetzung der Inklusion für den Schulträger ein beachtliches Investitionsvolumen bedeutet. Neben den personellen Veränderungen seien vor allem bauliche Maßnahmen notwendig, um Gebäude- und Raumstrukturen anzupassen. Momentan sei man damit beschäftigt, in Griesheim die erste inklusive Ganztagsschule im Kreis zu entwickeln. Laufe alles gut, könnte die Vision bis 2020 fertig sein. Wie groß die Herausforderung ist, lässt sich laut Fleischmann anhand der Zahl von 54 Grundschulen und sieben Förderschulen im Kreis erkennen. Dieter Eitel vom Schulamt führte an, dass der Inklusions-Gedanke vom Gesetzgeber alles andere als ausgereift ist. Immer noch gebe es eine ganze Reihe von Stolpersteinen, etwa was die Notengebung oder die Versetzung betrifft. Eine Umsetzung sieht Eitel am ehesten in den Grundschulen als möglich. Danach dürfte sich die Sache als schwierig erweisen, da die weiterführenden Schulen in Deutschland so stark wie kaum anderswo in Europa selektieren. Dazu liege durch die unterschiedlichen Schulformen, wie etwa bei den kooperativen und den integrativen Gesamtschulen, kein einheitliches System vor. Hier müssten ebenfalls riesige Veränderungen her.

Dass die Aufgaben beim Umbau, neuen Organisationsstrukturen und auch eine veränderte Geisteshaltung – Inklusion bedeutet auch das – viel Zeit verlangen, machte das Podium mehrfach evident. Christel Fleischmann zerstreute mögliche Existenzängste, die derzeit an vielen Förderschulen vorliegen. „Ich gehe davon aus, dass wir diese noch ganz lange brauchen“, sagte er. Das drückte auch Dieter Eitel aus: Es werde immer Schüler geben, die sich nicht inkludieren lassen. In der Konsequenz müssten auch immer exklusive Förderschulangebote existieren.

Quelle: op-online.de

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