Wer findet die Bohne im Bolo Rei?

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Filipa (17) rührt fleißig im riesigen Familientopf.

Babenhausen ‐ Wer an den Weihnachtsabend denkt, freut sich auf seine Gans oder seinen Karpfen. Doch ganz anders geht es im Haus von Teresa Rodrigues und bei den etwa 250 der portugiesischen Gemeinde angehörenden Familien zu. Von Jasmin Frank

Schon Tage vorher werden die zahlreichen Speisen vorbereitet, die für Familienangehörige und Freunde aufgetischt werden. „Wir haben immer so um die 20 Personen hier, das ist überall so. Weihnachten fängt am 24. Dezember nachmittags an, dann wird mit Portwein angestoßen und anschließend den ganzen Abend gegessen und gefeiert, bis wir um 23.30 in die portugiesische Christmette gehen, nach der die Männer dann mit Bier anstoßen“, erzählt die dreifache Mutter.

Auch wenn sie schon seit 30 Jahren in Babenhausen wohnt, gibt es doch einiges an portugiesischer Tradition, was an diesem besonderen Fest auflebt. So darf der Bolo Rei nicht fehlen, der Königskuchen, der durch seine bunte Farbenpracht auffällt. In ihm ist eine Bohne versteckt. „Wer die Bohne in seinem Stück findet, hat die große Freude, den Kuchen für das nächste Jahr einkaufen zu müssen“, lacht Rodrigues.

Ganze Familie in die Festvorbereitungen eingebunden

Auch das typische Hauptgericht muss auf dem Tisch stehen, die Batatas Cozidas com Bacalhau, also gekochte Kartoffeln mit Stockfisch. „Dieser Eintopf wird in einem riesigen Topf zubereitet, damit das Essen auf jeden Fall für alle reicht“, erzählt die 17-jährige Filipa Rodrigues, die das Küchengerät schon mal ausprobiert. Überhaupt ist die ganze Familie in die Festvorbereitungen eingebunden.

Traditionell sorgen Vater und Söhne für die Tischdekoration, den Weihnachtsbaum und die Krippe. Die ist für jeden portugiesischen Haushalt ein Muss. Die Männer gehen in den Wald und sammeln für sie noch kleine Äste und Moos. Derweil sind die Frauen aller Generationen in der Küche und kochen“, berichtet Rodrigues, die den Stockfischeintopf übrigens gar nicht mag und deshalb eine andere Spezialität bevorzugt: Rinderbraten mit Rotkraut und Klößen. Ist das denn portugiesisch? „Nein, natürlich nicht“, lacht die muntere Frau und schmunzelt: „Aber es darf sich ja auch mal eine deutsche Köstlichkeit unter die vielen Gänge schmuggeln, vor allem, wenn sie so gut schmeckt.“

Stockfisch- und Krebsfleischbällchen

Vor den Hauptgerichten gibt es natürlich zahlreiche Vorspeisen, die aufgrund der mediterranen Lage des Herkunftlandes aus dem Meer kommen: Stockfisch- und Krebsfleischbällchen sowie Garnelen. Zum Nachtisch gibt es Mexidos, das Leibgericht von Filipa. Dazu wird ein spezielles Weihnachtsbrot aus Maismehl klein geschnitten und mit Milch, Zimt, Nüssen, Zitrone, Zucker und Portwein zu einem Brei verkocht, der einen Tag ziehen muss, bevor er am nächsten Tag auf den Tisch kommt. Portwein bestimmt einen großen Teil der landestypischen Küche, vor allem die Nachspeisen, bei denen aber auch Zimt eine große Rolle spielt: So gibt es unter anderem noch Aletria, das sind süße Nudeln mit Zimt und Rabanadas, Weißbrotscheiben, die in Ei, Zimt und Portwein gekocht und dann frittiert werden.

Der Bolo Rei, der Königskuchen, darf nicht fehlen.

„Ein portugiesisches Haus muss an Weihnachten nach Zimt riechen“, ist sich Rodrigues sicher. Doch nicht nur die Speisen unterscheiden sich von den deutschen, auch die Bräuche: So gibt es die Geschenke erst am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages. Das findet der elfjährige Angelo Rodrigues aber nicht weiter schlimm: „Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass andere Kinder ihre Geschenke schon einen Abend früher bekommen. Aber ich finde es sowieso viel wichtiger, die ganze Familie um mich zu haben.“ Auch die Dauer der Festivitäten unterscheidet sich, wird sie doch bis Neujahr ausgedehnt. „In dieser Zeit werden jeden Tag Besuche gemacht oder Gäste empfangen. Und immer wird gegessen, getrunken und gesungen, eben richtig schön gefeiert“, freut sich die ganze Familie, für die es in den nächsten Tagen also kaum langweilig werden dürfte.

Quelle: op-online.de

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