Auch ein steiniger Weg bringt Erfolg

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Sie kam als Flüchtlingskind nach Deutschland, jetzt hilft sie jugendlichen Migranten im Erloch. Sigy Berhane ist als Praktikantin der Kinder- und Jugendförderung für die Jugendlichen da.

Babenhausen - Zeigrad Berhane, die aber von allen nur Sigy genannt wird, weiß, wie man sich fühlt, wenn alles auseinander zu brechen droht. Ebenso weiß sie, wie es ist, nicht in dem Land leben zu dürfen, das sie Heimat nennt. Von Corinna Hiss 

Doch die 28-Jährige hat für ihren Traum gekämpft und gibt nun ihre Erfahrung an andere weiter: Als Jahrespraktikantin bei der Kinder- und Jugendförderung Babenhausen sind der angehenden Sozialarbeiterin die Sorgen und Probleme, die insbesondere Jugendliche mit Migrationshindergrund haben, bestens vertraut. Die engagierte Frau, die mit ihrem Freund in Eppertshausen wohnt, kommt 1991 nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern muss die damals Vierjährige zunächst in einem Asylheim Unterschlupf nehmen. An ihr Geburtsland, Eritrea, kann sich Sigy Berhane nur noch schwach erinnern. „Wir sind geflohen, weil Krieg im Land geherrscht hat“, erzählt sie. Ihre Mutter kämpfte als Soldatin für die Unabhängigkeit des kleinen, ostafrikanischen Landes, das im Süden an Äthiopien, im Norden an den Sudan angrenzt.

Damit gehört die Familie zu den politisch Verfolgten, eine Rückkehr scheint ihnen von Anfang an unvorstellbar. Doch das Asylverfahren dauert lange und lässt die Flüchtlinge permanent um ihren Aufenthalt in Deutschland bangen. Sie lassen sich in Butzbach in der Wetterau nieder, lernen deutsch, integrieren sich – und das, obwohl sie noch keine Aufenthaltserlaubnis haben. „Rund zehn Jahre wurden wir geduldet, dann kam die Abschiebung“, erinnert sich Sigy Berhane. Die Zeit, die darauf folgt, ist für die Eppertshäuserin eine der schwersten in ihrem Leben. „Ich war in ständiger Angst, dass ich von der Schule komme und keiner mehr da ist, dass wir gehen müssen“, sagt sie. Dabei will die Familie nichts lieber, als in Deutschland bleiben. „Das ist meine Heimat. Ich denke, träume und lebe auf deutsch.“

Während sie mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter bangen muss, gibt ihr das Jugendzentrum in Butzbach Halt. Über einige Mädels kommt sie in den ortsansässigen Basketballverein und entdeckt ihre Liebe zum amerikanischen Volkssport. Auf dem Spielfeld und im Umgang mit den Freundinnen erfährt sie ein Gefühl von Sicherheit, das ihr der Staat nicht geben kann. Auch schulisch geht es bergauf: Nach dem Realschulabschluss wechselt sie aufs Gymnasium, will Fachabitur machen. Ihre Geschwister finden Ausbildungsplätze, ihre Mutter eine feste Stelle. All das soll plötzlich aufgegeben werden für eine Rückkehr nach Afrika. „Geduldet“ ist ihr Status – man darf nicht erwerbstätig sein. Für Sigy Berhane unverständlich, schließlich hat sich die gesamte Familie bestens integriert. „Wieso nimmt man uns auf, um uns danach wieder zu entwurzeln?“, fragt sie.

Für die heute 28-Jährige scheint der Kampf verloren zu sein. Sie schmeißt die Schule, verabschiedet sich schon von all ihren Freunden. Dann – nach sechs Jahren der Ungewissheit – endlich das entscheidende Gerichtsurteil: Die Familie darf bleiben. „Ich habe über ein Jahr gebraucht, um zu begreifen, dass ich wirklich in Deutschland bleiben darf“, erzählt Sigy Berhane. Weil ihr damals das Jugendzentrum Halt gegeben hat, entscheidet sie sich für ein Studium der sozialen Arbeit in Frankfurt. Bei der Kinder- und Jugendförderung Babenhausen sammelt sie nun nach dem Bachelorabschluss Praxiserfahrung. Ein fester Bestandteil ist der Jugendtreff freitags und sonntags sowie die Anlaufstelle im Erloch. Neben Hausaufgabenbetreuung und Hilfe bei Bewerbungen hat Sigy Berhane dort einen besonderen Draht zu den Jugendlichen. „Ich zeige ihnen, dass man etwas erreichen kann, auch wenn einem Steine in den Weg gelegt werden“, sagt sie.

Seit der Flucht vor über 20 Jahren war sie nicht mehr in Eritrea. Eines Tages, wenn die Unruhen nachlassen, will sie dort hin zurück gehen. „Aber nur zum Urlaub!“

Quelle: op-online.de

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