Freibad in Babenhausen

„Unverfrorene“ ziehen ihre Bahnen

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Unabhängig von Petrus´ Laune zieht es eine Gruppe Schwimmer regelmäßig ins Freibad. Manchmal kostet es schon Überwindung. Seit 30 Jahren gehört Theresia Schäfer zu den sogenannten „Dauerschwimmern“ im Babenhäuser Bad, die, ganz gleich wie sich das Wetter auch präsentiert, sich im kühlen Nass tummeln.

Babenhausen - Seit Freitag sind die Eisheiligen vorbei, endlich kommen Sonne und Wärme zurück. Für das Babenhäuser Freibad geht damit die Hoffnung einher, dass die Ruhe, die seit der Öffnung am 1. Mai wegen des ungemütlichen Wetters vorherrschte, durch mehr Besucher abgelöst wird. Von Michael Just

Ganz alleine ist das Aufsichtsteam aber trotzdem nie: Eine kleine Gruppe „Unverfrorener“ zieht tagtäglich - egal bei welchem Wetter - ihre Bahnen im 23 Grad temperierten Wasser. „Die drei Wochen zuvor war die Gästezahl überschaubar. Oftmals zeigte das Thermometer am Morgen gerademal vier, fünf Grad an“, berichtet ein Mitarbeiter des Bäderservice Kahl, der seit vielen Jahren das Bad betreibt. Bertlinde Gruner (72) gehört zu jenen Unerschrockenen, die kurz nach 9 Uhr - ganz gleich welche Laune Petrus mal wieder offenbart - das Kassenhäuschen mit ihrer Dauerkarte passieren, um kurz darauf in die Badesachen zu wechseln. „Da ist manchmal viel Überwindung dabei“, räumt sie bezüglich einstelliger Temperaturen ein. „Nach dem Rausgehen aus dem Wasser hilft ein Handtuch über den Schultern“, gibt Theresia Schäfer ihr Abwehrmittel gegen Frösteln preis. Seit 30 Jahren schützt sich die 64-Jährige bei ihrem Frühsport auf diese Art gegen die kalte Morgenluft. Trotzdem fand in den letzten Tagen ihr Gang zur warmen Dusche meist beschleunigt statt. Andere Mitschwimmer streiften sich nach dem Abtrocknen besonders dicke Wollsocken über. Größtenteils verwaist blieb in den letzten Tagen auch das sogenannte „Sonnenbänkchen“, das in der Nähe der Umkleiden steht. Bei schönem Wetter finden an dieser Stelle der Austausch von Neuigkeiten und ein kleines Sonnenbad zusammen.

Meistens geht Theresia Schäfer mit ihrem Mann baden. „Er schwimmt 1 000 Meter, ich 600. Er schwimmt mit Stoppuhr, ich zum Genießen“, erzählt die Babenhäuserin, die seit 30 Jahren diese Form des Frühsport bevorzugt. Während einige Schwimmbegeisterte ihren Partner im Schlepptau haben, ist das bei Bertlinde Gruner nicht möglich: „Mein Mann würde bei der Kälte nie ins Wasser gehen“, sagt sie. Untätig sei er während ihrer „Schwimmphasen“ aber nicht: „Bis ich mit frischen Brötchen gegen halb elf zum Frühstück komme, kümmert er sich um die Haus- und Gartenarbeit. Dazu deckt er den Tisch ein.“ Im Gegensatz zu ihren Schwimm-Kollegen fällt bei ihr ein tiefgebräunter Körper auf, der unmöglich aus diesen Breiten herrühren kann. Die Nachfrage ergibt, dass hier die Sonne beim Überwintern an der Costa Blanca gewirkt hat. Erst seit Anfang Mai sind die Gruners zurück in Babenhausen, was exakt zur Schwimmbaderöffnung passt. „Im Winter im warmen Spanien, im Sommer im Freibad“, bringt die Rentnerin ihre wechselnden Badereviere auf den Punkt.

Rund zehn bis 15 Personen umfasst die Gruppe der morgendlichen Dauerschwimmer, von denen die meisten ihren Ruhestand genießen. In den warmen Sommermonaten wächst die Gruppe auf 25 bis 30 Köpfe an. Nur wenn dieser Tage die Joachim-Schumann-Schule zum Schwimmunterricht kommt, wird‘s im Bad ein wenig enger. Auf Stammgäste blickt das Service-Personal aber nicht nur am Morgen, sondern auch während der Stunden vor Kassenschluss, wenn die Feierabendschwimmer sich ankündigen. Im Kraul oder Brust üben sich dann Berufstätige sowie Sportfreaks, darunter die Triathleten.

Besichtigung der Schwimmbad-Baustelle in Babenhausen

Besichtigung der Schwimmbad-Baustelle

„Je früher, desto besser“, lautet die Devise von Jürgen Rudolph (59). Er gehört zu jenen Stammgästen, die den Sprung ins erfrischende Nass gleich zu Tagesbeginn bevorzugen. Die Ruhe am Morgen macht für ihn den wahren Genuss aus. Der Werkzeugmacher pendelt zwischen Babenhausen und seinem Arbeitsplatz in Nordhessen, wo er für einen Autobauer in Baunatal arbeitet. Die Anzahl seiner Bahnen richtet sich bei ihm nach der Tagesform. Meist bleibt er eine halbe Stunde im Wasser. „Durch das Schwimmen geht man ganz anders in den Tag“, gibt er als wichtigste Erfahrung weiter. Zu den ältesten Dauergästen am Morgen gehört Edith Scharsitzke (84). Sie wohnt gleich um die Ecke und hat´s deshalb nicht weit. Vom 1. Mai bis zur Schließung im Herbst fehlt die alte Dame fast an keinem einzigen Tag. „Das letzte Mal, als ich nicht konnte, hatte ich die Handwerker im Haus“, berichtet sie. Da ihr das Radfahren zu riskant ist, hält sie sich mit schwimmen fit, was mit Blick aufs Alter immer wieder Respektsbezeugungen der Frühsport-Genossen einbringt. Auf die Frage, ob sie ihren Geburtstag an der Seite von „Jenny“ feiert, gibt es eine klare Antwort: „Das geht leider nicht. Dann ist Winter, und das Bad leider zu.“

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Quelle: op-online.de

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