„Freiheit zur Entfaltung geben“

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Nach 16 Jahren als Schulleiter an der OSB ist Schluss: Burkhard Vollmers verabschiedet sich Ende Juni.

Babenhausen ‐ Ende Juni geht der Schulleiter der Offenen Schule, Burkhard Vollmers, in den Ruhestand. Seit 1994 lenkte der Vater von vier Kindern den Alltag an der OSB, die von rund 1.200 Schülern besucht wird. Von Michael Just

Zuvor war er acht Jahre lang Leiter an der Mathildenschule in Offenbach. Unsere Zeitung hat den 65-Jährigen, der in Hagen aufwuchs und heute in Harreshausen lebt, zu einem Rück- und Ausblick getroffen.

Die Übergabe einer Schulleitung ist nicht einfach. Kommt die letzten Tage der große Stress auf?

Der Stress war schon immer da, da ich stets sehr wenig delegiert habe. Wenn eine Schule einigermaßen gut laufen soll, kannst du nicht alles aus der Hand geben und musst dich gerade am Anfang um alle Kleinigkeiten kümmern. Oft waren die Hausmeister todunglücklich, weil die abschließen wollten und ich immer länger als notwendig in der Schule war. Der Abschied jetzt verläuft eher ruhig, da ich vor ein paar Monaten bereits damit angefangen habe, die Sachen zu übertragen und dabei auch gelernt habe, mich zurückzuhalten.

Wollten sie schon immer Lehrer werden?

Die Zeit nach dem Krieg hat mich ungemein geprägt: Ich bin in den Trümmern groß geworden, wo überall gemauert wurde. Deshalb wollte ich eigentlich als Kind Maurer werden, auch weil wir in Hagen in dem ersten Mietshaus wohnten, das wieder aufgebaut wurde. Die Wegweisung zum Lehrer kam dann aber kurz nach dem Abitur.

Warum haben sie sich für diesen Beruf entschieden?

In meiner Zeit als Schüler waren die Lehrer zum Teil indiskutabel. Viele in meiner Generation haben unter der autoritären Erziehung gelitten, da der Großteil der Lehrer noch durch das Dritte Reich geprägt war. Ich habe dann gesagt, das kann ich anders - eben offen und nicht autoritär auf die Jugendlichen einzugehen. Dahingehend hat mich natürlich auch mein Studium von 1966 bis ´69 und damit das Gedankengut der 68er geprägt.

Sie stehen dazu, dass die Aufgabe des Schulleiters schon deshalb zu ihnen gepasst hat, weil sie gerne sagen, wo es langgeht.

Das stimmt. Das geschieht aber nicht im autoritären Sinne. Ich kann auch Kompromisse machen und selbst vor Schülern zu einem Fehler stehen. Ich habe über 20 Jahre für den Klett-Verlag Sprachbücher geschrieben und da war es in der Redaktionsrunde normal, dass Vorschläge auseinander gepflückt werden. Ich kann alles ändern wenn ich einsehe, dass es falsch ist. Faule Kompromisse nur der Einigkeit wegen mache ich aber nicht. Dann wird es haarig, vor allem wenn jemandem Unrecht geschieht und meine Emotionen als Gerechtigkeitsfanatiker dazukommen.

Was ist die Kunst, ein guter Lehrer zu sein?

Es geht darum, dem Schüler im Hinblick auf unsere liberale Gesellschaft möglichst viel Freiheit zur Entfaltung zu geben. Die Schwierigkeit ist, parallel darauf zu achten, dass gleichzeitig Disziplin und Regeln bestehen bleiben. Einen bestimmten Weg dazu gibt es nicht, es muss einfach angeboren sein, zu erkennen, wann man einen Schüler laufen lassen kann.

Hat sich ihre Persönlichkeit als Schulleiter verändert?

Ich denke nicht, die Gefahr besteht aber bei diesem Job sehr leicht. Der Besserwisser entwickelt sich hier sehr schnell, da viele dem Schulleiter nicht widersprechen und sogar glauben, dass sie das nicht dürfen. Das ist aber nicht so. Ich bin für Offenheit und Emotionalität in jeder Beziehung.

Was haben sie rückblickend an der Offenen Schule erreicht?

Die Schulprogrammarbeit mit der Entwicklung von Leitzielen hat eine lange Phase eingenommen, dazu war mit die Image- und Öffentlichkeitsarbeit nach Außen wichtig. Die vertikale und horizontale Vernetzung innerhalb der Schulgemeinde wurde angegangen, dabei Kennenlernfest oder Sponsorenlauf etabliert. In der EU waren wir eine Pilotschule in Sachen Evaluation und bauten mit diversen Projekten die europäischen Kontakte aus. Wir haben das Hochbegabten-Siegel bekommen, während uns parallel die Förderung der weniger begabten Schüler genauso wichtig war.

Wie schwer fällt der Abschied?

Wehmut habe ich überhaupt nicht, ich kann damit zu hundert Prozent abschließen. Dafür habe ich viel zu viele Pläne: Zum einen möchte ich für den Triathlon über die olympische Distanz trainieren, meine Schallplatten ordnen, Wein sammeln und reisen. Man will mir dauernd einreden, dass ich bald in ein Loch falle. Das halte ich für Unsinn. Langeweile wird auf keinen Fall aufkommen, da es zeitlich kaum machbar sein wird, das alles umzusetzen, was ich vorhabe.

Quelle: op-online.de

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