In Frieden Abschied nehmen

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Pfarrer Ferdinand Winter ist seit drei Jahren bei der katholischen Gemeinde St. Josef tätig. Die Betreuung Sterbender und ihrer Angehörigen ist für ihn Alltag. Zu fachkundigen Trauerbegleitern hat er Kontakt und überweist gegebenenfalls dorthin.

Babenhausen ‐ Allerheiligen und Allerseelen, Toten- oder Ewigkeitssonntag, Volkstrauertag: Im November rückt der Tod mehr in den Fokus als in jedem anderen Monat. Von Veronika Szeherova

Pfarrer gestalten entsprechende Gottesdienste, gedenken darin der Verstorbenen, sprechen über Vergänglichkeit und Wiedergeburt. Aber auch im restlichen Jahr ist der Tod im Berufsalltag der Geistlichen stets präsent.

„Früher war es ganz selbstverständlich, zu Sterbenden einen Pfarrer zu holen – heute ist es leider ziemlich aus der Mode gekommen“, bedauert Cornelia Wesseling-Mangold, stellvertretende Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Babenhausen. Auch Pfarrer Ferdinand Winter von der katholischen Gemeinde St. Josef, der auf mehr als 20 Jahre in der Seelsorge zurückblicken kann, bestätigt: „Man merkt einen Trend zur Abkehr von der Kirche. Seelsorgerischer Beistand war noch zu meinen Anfangszeiten stärker gefragt als heute.“

Trost, Hilfe und Hoffnung

Doch im Angesicht des Todes wird vieles anders – mitunter auch die Einstellung der Menschen zur Religion. Es komme immer wieder vor, dass Sterbende, die sonst keine Beziehung zur Kirche hatten, sich Stütze von einem Pfarrer wünschen. „Es ist sehr tröstlich für jeden Menschen, darüber zu sprechen, dass es nach diesem irdischen Leben noch eine weitere Dimension gibt“, sagt Winter. Als Pfarrer wolle er ihnen Impulse geben, über solche Dinge nachzudenken, die sie sonst ausgeblendet haben. „Es ist aber nicht mein Ziel, sie zu missionieren“, stellt er klar. „Aber einfach diesen neuen Horizont der Auferstehung zu eröffnen, das gibt Trost, Hilfe und Hoffnung.“

Pfarrerin Wesseling-Mangold erzählt von einem Fall, als sie über mehrere Wochen einen Mann besuchte, der im Sterben lag. Er habe mit Religion sonst auch nicht viel am Hut gehabt, aber sie hätten sehr gute, tiefe Gespräche geführt. „Er war mit seiner Ehefrau sehr zerstritten und sehnte sich nach einer Versöhnung“, erinnert sich Wesseling-Mangold. Die Eheleute seien so tief in dem Konflikt gewesen, dass keiner der beiden eine Annäherung wagte. „Ich habe mit der Frau gesprochen und konnte schließlich erreichen, dass sie sich aussprachen und in Frieden Abschied nehmen konnten.“

Ein erkennbares Zucken mit dem Mundwinkel

Es müssen nicht immer Gespräche über die eigene Vergangenheit oder über Religion sein: Einfach nur jemanden zu haben, der da ist in den letzten, schweren Momenten, ist mindestens genau so wichtig. Das wissen die Pfarrer. Oft halten sie einfach nur die Hand. Winter: „Immer wieder besuche ich auch Menschen, die zu schwach sind, um zu sprechen, oder es beispielsweise nach einem Schlaganfall nicht können oder gar im Koma liegen. Sie haben ein ganz großes Bedürfnis nach Nähe.“ Er lese ihnen gern vor, spreche Gebete oder Psalme, singe auch mal Kirchenlieder. Darauf würden selbst die Schwächsten reagieren, „und sei es nur erkennbar am Zucken mit dem Mundwinkel oder am Blick.“

Auch Wesseling-Mangold hat diese Erfahrungen gemacht: „Es ist sehr bewegend, das zu erleben, wenn die Menschen darin Geborgenheit und Trost finden, oder sich übers Wiedererkennen von Liedern und Psalmen freuen.“ Die 50-Jährige betont die Wichtigkeit von körperlicher Berührung – wie etwa dem Auflegen von Händen beim Segen. Auch Griffkreuze aus Holz seien für die Sterbenden im wahrsten Sinne des Wortes ein guter Halt. Als „geniales Ritual“ bezeichnet sie die Krankensalbung – um dieses Sakrament beneide sie die katholische Kirche. Dafür feiere sie gern mit dem Sterbenden und seinen Angehörigen das Abendmahl.

Trauernde werden oft vergessen

Pfarrer Winter lobt ebenfalls das „kraftgebende Element“ der letzten Ölung. Die Gesten, die Worte, die Berührungen, das sei etwas ganz Besonderes und „oft der Grund, warum überhaupt ein Pfarrer gerufen wird.“ Er sei froh, wenn auch die Angehörigen sich daran beteiligen, sagt der 55-Jährige. „Das ist für alle eine heilsame Erfahrung.“ Die Begleitung der Angehörigen sei ein wichtiger Teil seiner Arbeit, der meist noch über die Beerdigung hinaus dauert. Das bestätigt auch Wesseling-Mangold und ihr Ehemann Thomas Mangold, der ebenfalls Pfarrer ist. „Die Trauernden werden oft vergessen oder sogar von der Öffentlichkeit gemieden“, moniert das Pfarrer-Paar. „Der Tod ist leider nach wie vor ein Tabuthema, das im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen wird.“ Gerade deswegen bräuchten die Angehörigen häufig Beistand auch über längere Zeit.

Doch auch Pfarrer stoßen mitunter an ihre Grenzen. Für Winter sei es eine bedrängende Erfahrung, wenn er schwerkranke, etwa an Leukämie leidende junge Menschen besucht. „Wenn ich dann einiges über ihr Leben und ihre Persönlichkeit erfahre und mitbekomme, wie sie auf den Tod zugehen, fühle ich mich wirklich hilflos“, bekennt der Geistliche. „Nicht nur sie oder ihre Angehörigen, auch ich selbst frage mich, warum so etwas passiert, warum Gott das zulässt.“ Er sehne sich nach einer Antwort, „aber die gibt es nicht.“ Umso mehr müsse er für diese Menschen da sein. „Es ist schön, wenn sie dann im Glauben Kraft finden, aber es gibt auch solche, die sich abwenden“, weiß Winter.

Alle Pfarrer wünschen sich, dass der Tod mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft rückt. Das beinhalte unter anderem, dass die Arbeit von Altenpflegern stärker wahrgenommen und gewürdigt werde. Winter ist überzeugt: „Auch das ist ein wichtiger Auftrag der Kirche.“

Quelle: op-online.de

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