Frischer Wind im „Problemviertel“

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Daumen hoch: Die freiwilligen Helfer freuen sich auf die Anlaufstelle. In der Mitte Initiator Ahmet Ögretmen.

Babenhausen ‐ Enge, Lärm, tobende Geschwister. Einen ruhigen Platz zum Hausaufgaben machen gibt es nicht. Die Eltern sprechen kaum Deutsch, waren noch nie beim Elternabend. Von Veronika Szeherova

So geht es vielen Kindern aus Einwandererfamilien. Dass eine erfolgreiche Schullaufbahn unter diesen Bedingungen nahezu unmöglich ist, liegt auf der Hand. In Babenhausen gilt das Erloch als ein solches Problemviertel. Oder, politisch korrekter ausgedrückt – ein Gebiet mit „verdichtetem Wohnen“ und einem besonders hohen Migrantenanteil. Nebenerscheinungen inklusive: Gruppenbildung und Absonderung einzelner Nationalitäten, Jugendliche, die auf der Straße rumhängen, und Eltern, die noch nie die Lehrer ihrer Kinder gesehen haben. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Damit das anders wird, wurden dort schon einige Initiativen ins Leben gerufen: Zwergentreff und Spielplatzprojekt für die Kleinen, das jährliche Erlochfest für die Jugendlichen, ein Frauentreff mit Sprachunterricht für die Mütter. Ein weiteres Projekt der Kinder- und Jugendförderung Babenhausen steht nun im Sophie-Kehl-Heim in den Startlöchern: eine Anlaufstelle für Jugendliche. „Es ist aber kein zweites Jugendzentrum“, wie Stadtjugendpfleger Michael Spiehl klarstellt.

Kleine Küche, Tisch, Computer, Couch

Vielmehr handelt es sich um ein niedrigschwelliges Angebot, das mehrere positive Effekte direkt vor Ort vereint: Hausaufgabenbetreuung, Nachbarschaftshilfe, Beratungsstelle. Die Idee dazu trug Ahmet Ögretmen vor knapp zwei Jahren vor. Für den Deutschen kurdischer Abstammung ist die Verbesserung des Lebens im Quartier eine Herzensangelegenheit geworden. Mit der Kinder- und Jugendförderung hat er beispielsweise schon bei einer großen Umfrageaktion zusammengearbeitet.

Voller Stolz schaut er sich in den Räumen der Zwei-Zimmer-Wohnung um, die eigens für die Anlaufstelle von der Stadt angemietet wurde. Auf Vordermann gebracht wird sie seit den Weihnachtsferien von freiwilligen Helfern. Am auffälligsten sind die Wände: Die Graffiti, die unter anderem das fürs Erloch typische Hochhaus zeigen, stammen von der Babenhäuser „POR-Crew“. Die Möbel sind bisher spärlich: eine kleine Küche, ein Tisch, ein Computer, eine große, kuschelige Couch. „Es soll hier mal richtig gemütlich werden“, hofft Ögretmen.

24 junge ehrenamtliche Helfer konnte er schon für das Projekt am Sophie-Kehl-Weg gewinnen. Vom Studenten, der den Kleingruppen bei den Hausaufgaben hilft, bis zum Ansprechpartner, der soziale Probleme aus persönlicher Erfahrung kennt. So jemand ist Christian Bühring. Der 28-Jährige habe „schon viel Mist gebaut im Leben“. Er wolle nun helfen, dass andere nicht auch auf die schiefe Bahn geraten. „Den Kids fehlt jemand, dem sie sich anvertrauen können und der Interesse an ihren Problemen hat“, so der Erlocher, der sich gar ein zusätzliches „Arbeitshandy“ anschaffen möchte, um immer erreichbar zu sein.

Vorfreude der jungen Leute ist groß

Weitere Pläne der Anlaufstelle: Älteren Menschen aus dem Viertel zur Seite stehen, „mit ihnen spazieren gehen, Zeitung vorlesen, mit ihnen reden“, sagt Ögretmen. Die Initiative „Schüler helfen Schülern“ läuft parallel zur Hausaufgabenhilfe. Ziel ist, dass stärkere Schüler mit schwächeren Klassenkameraden gemeinsam lernen. Und auch an die Eltern ist gedacht. „Wir wollen beispielsweise bei Elternabenden dolmetschen und dadurch die Kommunikation zwischen der Schule und den Familien verbessern“, schildert Ögretmen.

Außerdem sollen die Menschen in der Anlaufstelle eine Vorbildfunktion übernehmen, indem sie vorleben, wie es auch gehen kann. Zum Beispiel in punkto Sauberkeit. „Wir achten auf Mülltrennung und planen Aufräumaktionen“, so der Familienvater.

Eröffnet werden soll die Anlaufstelle zum 1. April, anfangs an zwei Nachmittagen in der Woche. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun – vor allem Möbel einkaufen. Für Geld- und Sachspenden wäre die Kinder- und Jugendförderung dankbar. Die Vorfreude der jungen Leute ist jedenfalls groß: Einige HipHop-Jungs vom Erloch haben extra für die Anlaufstelle einen Rap-Song komponiert...

Quelle: op-online.de

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