Führung über den jüdischen Friedhof

Für die göttliche Ewigkeit

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Die Teilnehmer der Führung waren erstaunt, dass das Gras meterhoch steht und selbst große, monolithische Grabsteine darin verschwinden. Aber das hat seine Gründe, wie auf der Führung über den jüdischen Friedhof an der Potsdamer Straße zu erfahren war.

Babenhausen - Auf jüdischen Friedhöfen sieht man keine frischen Blumen oder Bepflanzungen. Stattdessen werden kleine Steinchen auf die Grabplatten gelegt. Einblicke in diese Bestattungskultur gab es nun auf dem jüdischen Friedhof. Von Michael Just 

Eingeladen hatte der Heimat- und Geschichtsverein. Der Schofar ist ein altes Blasinstrument aus dem vorderen Orient und besteht aus dem Horn eines Widders oder eines Kudu. Vorrangig zu rituellen Zwecken wird es im Judentum benutzt. Dabei ist es als einziges Instrument des Altertums noch heute in Synagogen in Gebrauch. Auf dem jüdischen Friedhof in Babenhausen wurde der Schofar in einen Grabstein gemeißelt. „Der hier Beerdigte hat das Instrument entweder selbst gespielt oder ein Amt in der Glaubensgemeinschaft innegehabt“, weiß Georg Wittenberger. Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) gilt als Experte über das einstige jüdische Leben in Babenhausen, weshalb er die Führung über die Beerdigungsstätte unweit der Potsdamer Straße selbst übernahm.

Georg Wittenberger, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, führte über den jüdischen Friedhof.

Im Altkreis Darmstadt-Dieburg existieren insgesamt vier alte jüdische Friedhöfe. Babenhausen besitzt mit einem in der Kernstadt und einem in Sickenhofen gleich zwei davon. Die anderen liegen in Dieburg und Groß-Bieberau. In Babenhausen reichen die Wurzeln jüdischen Lebens nachweislich bis 1350 zurück. Mittelpunkt war die Synagoge in der Amtsgasse. Der Friedhof in der heutigen Kernstadt wurde erst um 1690 angelegt. Vorher wurden die Toten in Dieburg oder Frankfurt begraben. Die letzte Beerdigung fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Während das Areal in Sickenhofen eine Mauer umgibt, existiert in Babenhausen nur eine Hecke, was offenbart, dass die jüdische Gemeinde nicht sehr wohlhabend war.

„Rund 200 Grabsteine wurden bei einer Erfassung 1988/89 gezählt“, berichtete Wittenberger. Auf rund 50 Prozent sind die Inschriften nur auf Hebräisch, bei der anderen Hälfte auf Deutsch und Hebräisch. Nur zwei sind komplett auf Deutsch. Oft geben die Text auf den Grabsteinen etwas über das Leben der Verstorbenen wieder. So wird über einen Lösermann Arnsberg (1834-1900) berichtet, dass er sehr gottesfürchtig war und seine Kinder zur Rechtschaffenheit anleitete. Seiner Frau Betty wird eine außerordentliche Tüchtigkeit ausgestellt. Zudem wird berichtet, dass sie der Frauengemeinschaft vorstand.

Reinheit spielt im jüdischen Leben eine große Rolle. Dazu gehört, dass man sich nach dem Friedhofsbesuch die Hände wäscht, weil die Nähe zu den Toten kultisch unrein macht. Särge sind in den jüdischen Bestattungsriten unbekannt, dafür werden Tücher verwendet. Durch die dauerhafte Totenruhe werden Grabsteine nicht abgeräumt und bleiben auf unbestimmte Zeit stehen. Dadurch kann es zu Platzmangel kommen. In seiner Geschichte wurde der jüdische Friedhof Babenhausen deshalb dreimal erweitert. „Eine andere Möglichkeit ist, die Verstorbenen mit einer Schicht Erde dazwischen übereinander zu beerdigen. Das führte in der Vergangenheit dazu, dass einige Friedhöfe wie kleine Berge schräg ansteigen“, weiß Witttenberger. Nach seinen Worten ist nicht ganz klar, woher der Ritus kommt, kleine Steinchen auf die Grabmale zu legen. Vermutet wird, dass sich der Brauch bei Beerdigungen in der Wüste entwickelt hat. Mit Steinen sollte die Totenruhe gegen wilde Tiere geschützt werden.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs fand die letzte Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof Babenhausen statt. Heute ist er Kulturdenkmal. Für die Teilnehmer der Führung war es ein wenig erschreckend, dass das Gras meterhoch steht und selbst große, monolithische Grabsteine darin verschwinden. „Dreimal im Jahr wird gemäht. Die Pflege ist extensiv, sodass der Friedhof nebenbei als Rückzugsgebiet für Flora und Fauna gilt“, weiß Wittenberger. Moose und Flechten haben bereits eine Reihe von Grabsteinen überzogen. Fallen diese um, werden sie nicht wieder aufgerichtet. Das geschieht im Sinne der jüdischen Verbände beziehungsweise des jüdischen Glaubens, der die Seele, und damit auch den Friedhof, als Bestandteil göttlicher Ewigkeit sieht. Längst greifen die Flechten auch die alten Inschriften an und beschleunigen den Verfall Jahrhunderte alter Relikte. Für Geschichtsinteressierte und Historik-Freunde ist das nicht ganz „schmerzfrei“ zu beobachten, was aber respektiert werden muss. Wittenberger hat das bereits getan: „Das ewige Leben wird nicht angetastet“, machte er deutlich.

Quelle: op-online.de

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