„Gedächtnis der Stadt“ erntet Lob

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Ria Fischer hat das Stadtarchiv auf Vordermann gebracht.

Babenhausen - Es gibt in Babenhausen bisher nur acht Menschen, denen die Ehrenbürgerschaft der Stadt zuteil wurde. Seit dem Wochenende gibt es eine verdiente Person mehr: Beim Parlamentarischen Abend wurde Ria Fischer diese hohe Auszeichnung zuteil. Von Michael Just

Im Frühjahr diesen Jahres entschied sich die Stadtverordnetenversammlung einstimmig für diesen Schritt. Stadtverordnetenvorsteher Wulf Heintzenberg und Bürgermeisterin Gabi Coutandin überreichten der 86-Jährigen die Urkunde und ein kleines Geschenk. Die Laudatio hielt Reinhard Rupprecht, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV).

Kampf durch zentimeterdicken Staub

„Sie sind Ur-Babenhäuserin und quasi das Gedächtnis der Stadt“, lobte der ehemalige Bürgermeister und jetzige Stadtrat die Frau, die bis heute immer wieder durch ihre Belesenheit, ein umfangreiches Wissen und das exzellente Gedächtnis auffällt. Rupprecht erinnerte daran, dass Fischer 1940 bei der Druckerei Krapp begann, danach im Rathaus angestellt war und später ehrenamtlich bei verschiedenen Bürgermeistern – angefangen bei Norbert Schäfer – fast ein Vierteljahrhundert das Stadtarchiv leitete. Das fand sie zu Beginn in katastrophalem Zustand vor. Abgeschreckt hat es sie nicht, als sie sich durch zentimeterdicken Staub kämpfte und so manches tote Kleintier beseitigen musste. Auch nach ihrem 80. Geburtstag wälzte sie sich noch rege und unaufhaltsam durch die Annalen.

Nicht minder wichtig stellt sich ihre Mitgründung des HGV 1980 dar, den sie bis heute in vielfältiger Weise unterstützt und der ihr viel zu verdanken hat. Dazu kommen ihre Funktionen als Stadtführerin oder als Herausgeberin unterschiedlicher Publikation, teilweise in Mundart wie der „Bowweheiser Kichezeddel“. An der Verschwisterung mit Bouxwiller, in Anlehnung an die Tradition der Grafen von Hanau-Lichtenberg, war sie ebenfalls beteiligt. Für ihre Verdienste bekam sie bereits den Landesehrenbrief (2006), den Hessischen Archivpreis (2007) oder die silberne Verdienstplakette der Stadt Babenhausen(1990). „Mit der Ehrenbürgerschaft schließt sich nun der Kreis“, so Rupprecht.

„Dieser Augenblick bewegt mich sehr“

Viele Babenhäuser kennen Fischer als Referentin bei den lokalen Vereinen. Ob persönliche Erlebnisse aus der Kriegszeit, der Zeit danach oder der Gegenwart – stets interessant und kurzweilig vorgetragen, vergisst man dabei Zeit und Raum. Auch dunkle Zeiten, wie die Verfolgung jüdischer Mitbürger, klammert Fischer dabei nicht aus. Mit Hilfe von Sponsoren überreichte ihr der HGV als Dankeschön ein Bild des Babenhäuser Schlosses, das von dem lokalen Künstler Willi Seibert stammt.

„Eigentlich bin ich Öffentlichkeit gewohnt. Aber dieser Augenblick bewegt mich doch sehr“, sagte die Geehrte in ihren Dankesworten. Stets habe sie ihre Arbeit mit Freude getan und dem Stolz, eine Babenhäuserin zu sein. Dass damit eine Reihe von Vor- und Nachteilen verbunden ist, habe sie gerne hingenommen. Ihren Dialekt hat Fischer nie versucht zu verbergen. „Warum auch? Darauf können wir genauso stolz wie die Bayern sein“, sagt sie. Über die Jahrzehnte hat sie die guten wie die schlechten Zeiten der Stadt im Krieg miterlebt. „Wir haben es überstanden – aber nichts vergessen“, lautete ihr Credo.

Quelle: op-online.de

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