So geht die Rechnung der Andersons

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Agnes und Harry Andersons wälzen Unterlagen vom Amt in ihrer Wohnung im Babenhäuser Wohngebiet Ost.

Babenhausen ‐ Sie ist nicht groß, die Wohnung der Andersons im Babenhäuser Wohngebiet Ost. Doch immerhin: 71 Quadratmeter für zwei Personen, zudem mollig warm während der Winterzeit. Von Jens Dörr

Die Heizung haben Agnes (55) und Harry Andersons (60) noch nicht abgedreht, Sparzwang hin oder her. Wobei der Begriff, der sich Tag für Tag durch das Leben des Ehepaars zieht, damit schon in den Ring geworfen wäre: Sparen. Für die Andersons gibt es keinen Zeitpunkt mehr, an dem sie nicht jede Münze zweimal in der Hand wiegen, ehe sie in der Supermarktkasse verschwindet. Die vormaligen Norddeutschen, die 2009 ihrer Tochter, die nach Babenhausen geheiratet hatte, hinterher zogen, sind von dem betroffen, was in den Medien gerne um den Begriff „relativ“ erweitert wird: Armut.

Schon richtig, die Andersons haben ein Dach über dem Kopf, einen Fernsehapparat, satte Bäuche und ärztliche Versorgung. Wesentlich mehr aber können sich beide nicht erlauben – der Staat speist sie mit dem Nötigsten ab. Pro Person und Monat bleiben Agnes und Harry jeweils 230 Euro zum Leben – zig frühere Erwerbsjahre zählen da wenig. Den Ärger auf jene, die noch nie einen Finger gerührt haben und mit dem Hartz-IV-Satz von 359 Euro pro Monat plus Wohnung mehr bekommen, halten sie im Zaum. Auf das Sozialsystem in ihrem Staat sind sie aber nicht gut zu sprechen.

Die Zeiten, als das Geld noch reichte, sind vorbei

Und so geht die Rechnung der Andersons: Harry fuhr früher Schwertransporte, irgendwann suchten ihn drei Schlaganfälle und später noch drei Herzinfarkte heim. Seit Jahren hängt er zudem an der Dialyse, kann nicht mehr arbeiten. 2005 bekam er zunächst Krankengeld, rutschte dann ins Arbeitslosengeld I, wurde wegen seiner Krankheiten aber zwangsverrentet, was ihn finanziell nochmals schlechter stellte. Agnes arbeitete früher in Baumschulen und Fabriken – „was eben so über den Weg kam“. Die gelernte Verkäuferin bekam vier Kinder, hatte so einige Lücken in ihrer Erwerbsbiografie. Ein Vermögen ließ sich mit den Tätigkeiten der beiden nicht anhäufen, für ein normales Leben reichte das Geld aber.

Diese Zeiten sind vorbei: 890 Euro Rente bekommt Harry Andersons, seine Frau fällt in dieselbe Bedarfsgemeinschaft. 250 Euro zu viel erhält Harry, um von der Arbeitsagentur die Miete gezahlt zu kriegen – so wie es bei zwei Hartz-IV-Empfängern der Fall wäre. 323 Euro Hartz IV stehen Agnes zu, die wegen schwerer Bandscheibenvorfälle ebenfalls nicht mehr arbeiten kann, zudem rund um die Uhr ihren Mann versorgen muss. Für die spezielle Ernährung Harrys kommen monatlich 70 Euro hinzu, er muss phosphatfreie Kost zu sich nehmen. Heißt viel frisches – nicht allzu billiges – Obst essen, dafür auf günstiges Schweinefleisch verzichten. Blumenkohl und Broccoli gehen auch nicht. „Zu wenig“, meinen die Andersons unisono zum Zuschlag. 30 Euro gibt’s noch als Versicherungspauschale für Agnes.

Streit um das Auto

Rund 1300 Euro pro Monat kommen also rein in den Babenhäuser Haushalt – und wandern schnell weiter auf diverse andere Konten. Nach Miete, Nebenkosten, Strom, Versicherungen und den Ausgaben für ihr Uralt-Auto, ohne das sie nicht einmal einkaufen gehen könnten, bleiben 460 Euro übrig – für beide zusammen. Denn auch ein Darlehen muss noch abbezahlt werden, obwohl die Andersons die Aufnahme nicht verschuldet haben: Am 1. Mai 2007 wurde Harry Rentner; Geld von der Rentenkasse (Bundesknappschaft), die beide insgesamt noch recht lobend erwähnen, gab es indes erst zwei Monate später. Die Arbeitsagentur hätte den Unterhalt in den zwei Monaten übernehmen sollen – hätte. Tat sie aber nicht.

„Was mich sauer macht, ist vieles“, fasst Agnes Andersons ihre Wut aufs System zusammen: „Die Diskussionen im Fernsehen rund um Hartz IV etwa – das Gerede von Frau von der Leyen zum Beispiel. Aber auch der ewige Paragrafendschungel in Deutschland, der Kampf mit der Krankenkasse, der Rentenkasse, dem Arbeitsamt.“ Um den Buchstaben „G“ in Harrys Schwerbeschädigtenschein kämpfen sie heute noch. Das „Merkzeichen“ brächte einige Euro in die Haushaltskasse, denn 50 Prozent der Kfz-Steuer würden laut Agnes dann beispielsweise erstattet. Weil sich Harrys Zustand aber nicht mehr verschlechtert hat, bockt der Staat. „Aber mehr als 100 Prozent Schwerbeschädigung geht nach meiner Rechnung nicht“, seufzt er. Eine Nierenerkrankung, Diabetes mellitus, die koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck und die Funktionsstörungen nach den Schlaganfällen scheinen nicht genug. Agnes darf wegen ihrer Bandscheibenprobleme nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, das hat sie vom Arzt sogar schriftlich. Dennoch streitet das Amt mit beiden ums Auto. Irgendwann winkt sie nur noch resignierend ab.

Einmal – vor kurzem - hat Harry Andersons doch die „Verschwendungssucht“ gepackt: Er trat dem Babenhäuser Angelsportverein bei. Augenscheinlich mit schlechtem Gewissen und fast schon entschuldigend blickt er hinüber zu seiner Frau und zuckt mit den Schultern: „Die 50 Euro Jahresbeitrag habe ich mir vom Mund abgespart.“

Quelle: op-online.de

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