Von Glockendienst und Fledermäusen

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Immer ein Lächeln auf den Lippen: Anneliese Schnetz, wie viele Babenhäuser sie kennen, bei ihrer Arbeit als Küsterin in der evangelischen Stadtkirche.

Babenhausen ‐ Es gibt Menschen, die gehören einfach zu einem bestimmten Ort dazu. Und es ist schwer vorstellbar, wie dieser Ort sein wird, wenn dieser Mensch nicht mehr da ist. So ein Mensch ist Anneliese Schnetz. Von Veronika Szeherova

Seit 34 Jahren ist sie Küsterin in der evangelischen Kirchengemeinde Babenhausen. Kaum ein Gottesdienst, kaum eine Feierlichkeit in der Kirche, an der sie in dieser Zeit nicht mitgewirkt hätte, die liebenswerte Frau im Hintergrund. Nun hat sie sich entschlossen, zur Jahresmitte aufzuhören. Die Gemeinde sucht mittlerweile schweren Herzens einen Nachfolger für das Amt des Küsters. Den Entschluss traf die 75-Jährige aus privaten Gründen. „Ich werde jetzt an anderer Stelle gebraucht“, sagt die zweifache Großmutter. Und fügt nachdenklich hinzu: „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Babenhausen und vor allem die Kirchengemeinde sind zu meiner Heimat geworden.“ Seit 1949 lebt die gebürtige Sächsin in der Gersprenzstadt. Wie und wann sie Küsterin wurde, weiß sie noch ganz genau. „Damals hat Pfarrer Heinrich Walther im Gottesdienst gesagt, dass die Gemeinde einen Küster sucht. Und ich habe gar nicht lange überlegt, denn ich war immer sehr stark mit der Kirche verbunden.“ Das war Ende 1976. „Im Silvestergottesdienst wurde ich dann vorgestellt, und ab 1. Januar 1977 ging es los“, erinnert sich Anneliese Schnetz.

Niemals habe sie in den 34 Jahren die Arbeit als belastend empfunden. Selbst dann nicht, als sie noch vor jedem Glockenläuten in die Kirche kommen musste, um den Mechanismus zu aktivieren. „Ich habe nie weit weg von der Kirche gewohnt“, erzählt die alte Dame lächelnd. „Das Amt war mein Lebensinhalt, ich habe es mit meiner ganzen Seele getan.“

Neun Pfarrer in 34 Jahren erlebt

Auch mit der Technik kennt die 75-Jährige sich aus.

Zum Küsteralltag gehört der Schlüsseldienst und die Reinigung der Kirche, vor allem aber Organisatorisches. Dekoration und Blumenschmuck für Gottesdienste und verschiedene Anlässe wie Hochzeiten und Beerdigungen, Glockendienst und das Vorbereiten der Kirche vor Veranstaltungen – „man ist verantwortlich für eigentlich alles, was in der Kirche passiert, außer Predigen und Orgel spielen“, formuliert es die erfahrene Küsterin. Mittlerweile sind manche Dinge ein wenig einfacher geworden – so wird beispielsweise das Glockenläuten vorab programmiert und schaltet sich von selbst ein. „Mit der Technik bin ich nicht mehr per Sie, aber per du auch noch nicht“, sagt Anneliese Schnetz lächelnd. „Aber für jüngere Menschen, die sich mit Computern besser auskennen, ist das kein Hexenwerk.“ Neun Pfarrer hat sie in den 34 Jahren erlebt, „und 20 bis 30 Vertretungen kennen und schätzen gelernt.“ Jeder von ihnen habe seine eigene Art und sein eigenes Wesen gehabt, was immer seine Vorteile hatte. „Ich habe gelernt, dass es völlig falsch ist, Menschen nach dem ersten Eindruck zu bewerten. Man muss mit ihnen sprechen und sie richtig kennen lernen und darf nie Vorurteile haben“, sagt sie weise.

„Ich weiß, dass Gott mich begleitet“

Anneliese Schnetz erinnert sich an besonders einprägsame Erfahrungen schon relativ kurz nach ihrer Amtseinführung: „Die beiden Pfarrer, die mich eingestellt haben, Pfarrer Walther und Pfarrer Leyh, sind kurz hintereinander verstorben. Das ging mir sehr unter die Haut.“ Doch die schönen Erfahrungen überwiegen – und es gibt auch eine kuriose Erinnerung, über die sie heute noch herzlich lachen kann: „Eines Nachts, kurz nachdem wir die neue Alarmanlage bekommen haben, klingelte das Telefon bei mir und den beiden damaligen Pfarrern, weil der Alarm losgegangen war. Wir sind sofort zur Kirche gefahren und stellten fest, dass es wegen der Fledermäuse war.“ Bis heute könne sie sich nicht erklären, wie die flatternden Tiere das hinbekommen haben. „Jedenfalls haben wir mit dem Klingelgeldbeutel versucht, sie zu vertreiben, in sehr salopper Kleidung – das muss ausgesehen haben!“

Von 2001 bis 2006 wurde die Kirche generalsaniert. Das seien anstrengende Jahre gewesen, über die sie Stunden erzählen könne. Umso schöner sei es gewesen, als sie in die renovierte, aber noch leere Kirche zum feierlichen Essen mit kirchlichen Würdenträgern und den am Bau beteiligten Firmenchefs eingeladen wurde. „Die Atmosphäre war unvergesslich, und es war eine Riesen-Auszeichnung für mich, dabei zu sein“, erzählt sie strahlend.

An der Auswahl ihres Nachfolgers beteilige sie sich nicht. Aber sie hofft, viel Zeit dafür zu haben, ihn einzuarbeiten. In ihre Zukunft schaut sie optimistisch: „Ich weiß, dass Gott mich immer auf meinen Wegen geleitet.“

Quelle: op-online.de

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