Große Chance für kleine Stadt

Babenhausen ‐ „Willkommen auf unserer Reise nach Spanien“, scherzt Oliver Schreiner, zuständig für die Stadtplanung im Rathaus, als sich der Bus in Bewegung setzt. Alle 50 Sitzplätze sind belegt, im Gang drängen sich bis zum Busfahrer noch weitere Menschen. Die Reise geht allerdings nicht nach Südeuropa sondern in die amerikanische Vergangenheit Babenhausens. Von Michael Just

Am Samstag haben die Bürger zum ersten Mal seit dem vollständigen Abzug der Amerikaner 2007 die Gelegenheit, einen Blick auf das Areal der ehemaligen US-Kaserne zu werfen. In der alten Kirche der Garnison warten Stellwände, Infoblätter, Vorträge, Gesprächsmöglichkeiten sowie Kaffee und Kuchen auf die Besucher. Das Motto der Veranstaltung lautet „Kleine Stadt, große Chance“, was auch auf den 150 Schirmen zu finden ist, die die Stadt als Geschenk verteilt.

Mehr Fotos vom Ausflug in die Ex-Kaserne:

Ausflug ins Kasernenareal

Um kurz nach halb zwei betreten die meisten Bürger etwas verhalten die Kaserne, die Zielsetzung des Besuches ist jedoch klar: „Wir sind Altbabenhäuser und erwarten einfach mal Informationen was auf das Gelände kommt“, sagt Klaus Resch (42). Alles Wissen habe man bisher nur aus der Zeitung. „Uns wäre ein neuer Wohnungsbau am liebsten, natürlich ohne Ghettocharakter“, fügt er an.

Gekommen ist ebenfalls Clarence Baker. Der Rentner ist gebürtiger Amerikaner und bald 50 Jahre in Babenhausen wohnhaft. Früher arbeitete er für die US-Streitkräfte in Frankfurt. Er interessiert sich besonders für den Zustand der Wohnungen. „Weil es immer heißt, die sind nicht bewohnbar möchte ich wissen, wie sie aussehen. Die sollen die Wohnungen zur Verfügung stellen, es gibt genug Leute die welche suchen“, ist seine Meinung.

Die neueren Wohneinheiten wirken attraktiv. Der Blick in ältere Häuser war auf der Tour nicht vorgesehen.

Wir möchten gerne ihre Ideen kennenlernen und verstärkt in den Entwicklungsprozess miteinbeziehen“, sagt Bürgermeisterin Gabi Coutandin bei der Begrüßung der Bürger. „Die Konversion stellt unsere kleine Stadt vor eine Herkules-Aufgabe“, fährt sie fort. Die vorliegenden Ideen seien sehr unterschiedlich und reichten vom reinen Wohnformen bis hin zum Hochregallager, welches das ganze Gelände einnimmt. Coutandin bringt zudem ihrer Freude Ausdruck, dass das Parlament kürzlich in seltener Geschlossenheit „Qualitätsziele“ für die zukünftigen Investoren beschloss, wonach jede ökonomische und soziale Entwicklung der Nachhaltigkeit und damit energetischen und ökologischen Grundsätzen unterliegt.

Gebäudebereich der Kaserne sorgt für Erstaunen

Wie der mit der Babenhäuser Konversion beauftragte Stadtentwickler Jürgen Schmitt sagt, habe die Politik noch keine Grundsätze gefasst, ob die Entwicklung mehr in den Wohn- oder den Wirtschaftsbereich geht. So wolle man die Ideen von Investoren abwarten, die im nächsten Frühjahr mit Hilfe einer europaweiten Ausschreibung gesucht und gefunden werden sollen.

Überraschend ist der Ansturm auf die Veranstaltung mit rund 170 interessierten Bürgern. Die Karten für die zwei einstündigen Bustouren sind so schnell vergriffen, dass noch eine Fußgruppe organisiert wird. Bei der Exkursion sorgt nicht nur der Gebäudebereich der Kaserne mit seinen 65 Hektar für Erstaunen sondern auch die Tatsache, dass hier vormals eine autarke Gemeinde existierte: Es gab ein Krankenhaus mit Zahnklinik, eine Schule, Einkaufsmärkte, eine Kirche, ein Jugendzentrum, eine Sporthalle, ein Schwimmbad, Tennis- und Basketballplätze, eine Polizeistation und vieles mehr.

Fast hat die Rundtour etwas Unheimliches, denn das Areal kommt derzeit einer Geisterstadt gleich: An den Briefkästen stehen immer noch die Namen der Bewohner, während sich die Natur die Gebäude langsam einverleibt. Das Gras wächst meterhoch, über viele Dächer zieht sich ein dicker Moosbelag. Wie von den Verantwortlichen im Rathaus gewünscht, bringen viele Bürger Ideen für die Zukunft der Kaserne ein: „Ich weiß, dass die ,Center Parks‘-Gruppe in Hessen ein großes Gelände sucht. Da müsste man mal Kontakt aufnehmen, Babenhausen will sich doch touristisch weiter entwickeln“, sagt eine Frau. Andere Besucher wollen lieber neuen Wohnraum als eine Ferien-Club-Anlage.

Die TV-Bilder trügten nicht

Für den Großteil der Gebäude, an denen der Bus vorbeifährt, kann Oliver Schreiner aber keine Hoffnung machen. Die ältesten reichen bis in die 50-er Jahre zurück: „Die kann man nur abreißen oder einer Idee aus dem Europan-Wettbewerb folgen und aus dem Berg des Abrissschutt einen begrünten Aussichtspunkt machen.“ Wie Schreiner fortfährt seien die wenigsten Häuser massiv gebaut. Die TV-Bilder trügten nicht: „Der amerikanische Baustil führt dazu, dass bei einem Hurrikan die dünnen Wände wegfliegen.“

Zudem wäre das Zunageln der Fenster in Deutschland unbekannt. Nur die in jüngster Zeit errichteten Gebäude erfüllen laut dem Rathausmitarbeiter annähernd die deutschen Normen.

Bei der Besichtigung erweisen sich die vor dem plötzlichen Abzug der Soldaten sanierten Geschosswohnungen als modern geschnitten, geräumig und mit attraktivem Holzfußboden ausgestattet. „Ich möchte trotzdem nicht hier wohnen“, sagt eine Frau. Clarence Baker sieht die Sache anders. Schließlich würden die Menschen in den Unterkünften hinter dem Polsterhaus Richtung Aschaffenburg bescheidener leben. „Da wohnt es sich hier besser. Zum Abreißen ist das Ganze jedenfalls viel zu schade.

Quelle: op-online.de

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