Freude an kurioser Bewegung

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Einblicke in das Projekt „Mit fremden Augen“ eröffnete Gudrun Gottstein (links) bei ihrem Tag des offenen Ateliers. Aus der Fotografie von einer Frau, die Brennholz auf dem Kopf trägt, wurde ein Gemälde.

Babenhausen - Der Straßenverkehr in Bombay ist der dichteste, der lauteste und der chaotischste der Welt. Hupen, Geratter, Motorendröhnen, Menschenlärm und muhende Kühe gehören zu den „unverzichtbaren“ Bestandteilen. Von Michael Just

Das erfuhr vor wenigen Monaten der Teilnehmer einer Reisegruppe aus Frankfurt, als er in eine Motorrikscha stieg. Die vorbeirasenden Laster, plötzlich auftauchende Pferdegespanne, scharf bremsende Busse und die waghalsigen Manöver des Rikscha-Fahrers lösten bei dem Touristen immer wieder Panikattacken aus. Wie gelähmt hoffte er, dass die mörderische Fahrt bald ein glückliches Ende nimmt. Der Taxi-Fahrer quittierte die angstvollen Blicke und das fahle Gesicht seines Passagiers stets gelassen: „Donbodda! Donbodda!“, rief er ihm immer wieder lachend zu. Auf Englisch heißt das soviel wie „Sorge dich nicht, kümmer dich nicht drum!“.

Der Ausspruch „Donbodda, Donbodda“ gefiel der Babenhäuser Malerin Gudrun Gottstein so gut, dass sie am Wochenende den Tag ihres offenen Ateliers damit überschrieb. Einblicke gab es nicht nur in ihre Schaffensweise, sondern auch in den Stand des derzeitigen Projekts „Mit fremden Augen“, der ganz eng an das Reisen angelegt ist. „Seit Beginn des Jahres habe ich im Internet dazu aufgerufen, mir via E-Mail Reisemotive aus der ganzen Welt schicken“, erzählt die 64-jährige Künstlerin. Die Bilder bringt sie dann auf die Leinwand. Bisher gingen rund 100 Ansichten ein, woraus 40 Gemälde entstanden. Am Wochenende waren davon viele zu sehen. Sieben Werke wurden auf eine Staffelei gestellt und mit einer besonderen Idee aufgewertet: Uwe Friedrich trug zu jeder Ansicht kurze Gedichte deutschsprachiger Autoren, darunter Tucholsky, Büchner, Lasker-Schüler oder Hesse, vor. Im Anschluss spielte die Musik-Pädagogin Gerda Stockinger noch ein Klavierstück. Die Kombination der Bilder mit Gedicht und Musik sollten dazu anregen, eine neue Form der Einheit zu erleben. Aus dem Babenhäuser Künstlerkreis konnte Gudrun Gottstein neben Uwe Friedrich noch weitere Vertreter gewinnen: Der Einladung, mit einem Werk die Veranstaltung zu bereichern, folgten die Maler Willi Seibert, Horst Käse, Kurt Schlösser, Karola T. Bossdorf und Dr. Richard Simonis. Insgesamt zeigte sich das offene Atelier in der Spessartstraße als sehr gut besucht. Bei den Beiträgen mit Musik und Gedicht war kein Platz mehr zu bekommen.

Uwe Friedrich rezitierte zu den Gemälden passende Zitate.

Wer Gudrun Gottstein Reiseimpressionen schickt, bestellt damit keine Auftragsarbeit. Vielmehr geht es darum, Inspiration und Ideen zu bekommen. Fotos aus Indien, Nepal, aber auch aus Rom, Paris und Frankfurt hat sie schon erhalten und auf der Leinwand verarbeitet. Am häufigsten lagen Motive aus Indien in ihrem E-Mail-Eingang. „Anscheinend war die ganze Welt schon dort“, sagt sie lachend. Nur geringer Wert wird auf Ansichten gelegt, die in ihrer Perfektion Postkarten gleichkommen. Damit kann Gottstein wenig anfangen, da es ihr nicht um eine Tour der Sehenswürdigkeiten geht. Vielmehr werden Fotos geschätzt, die „hinten und vorne nicht stimmen“. Damit sind vor allem Schnappschüsse gemeint, deren Augenblick etwas Unvollendetes versprühen. An faszinierender und kurioser Bewegung hat die Künstlerin die größte Freude, denn Bewegungsshemata lassen sich für sie in hervorragender Weise aufarbeiten und interpretieren. Das kann eine Pferderikscha, ein Getümmel von Menschen, aber auch nur zwei Jogger am Main in Frankfurt sein.

Bei einem Party-Bild, ebenfalls aus Europa, zogen die Babenhäuserin die individuellen Tanzbewegungen der Gäste in den Bann. Jene Bewegungen und Haltungen verrieten viel über Stimmung, Emotionen aber auch Charktere. Die „Körper-Spannungen“ übertrug sie mittels Pinsel und Farbe auf die Leinwand. Das Projekt „Mit fremden Augen“ hat sich schon jetzt gelohnt: Im Kongress-Hotel in Frankfurt steht für Gudrun Gottstein in Kürze eine große Ausstellung an. Nicht zu vergessen ist die Fülle an Erfahrungen. „Es ist interessant, was Leute in ihrem Leben schon alles gesehen haben oder für würdig empfunden haben, in einem Foto festzuhalten“, sagt sie.

Quelle: op-online.de

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