Per Hand von Küste zu Küste gefahren

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Viel Zeit zum Bewundern der Landschaft blieb Vico Merklein beim „Race-Across-America“ nicht: Das vierköpfige Team legte in neun Tagen rund 4 800 Kilometer zurück. 

Langstadt - Vor einem Jahr war die Stimmung von Vico Merklein geknickt: Der 31 Jahre alte Handbiker hatte gerade die Qualifikation für die Paralympics in Peking knapp verfehlt. Im Juni nahm der querschnittsgelähmte Langstädter eine Idee in Angriff, die viele nur mit einem Kopfschütteln kommentierten: Von Michael Just

Beim „Race-Across-America“ – einem Abenteuerwettbewerb für Extremsportler – muss Nordamerika in neun Tagen von Küste zu Küste durchquert werden. Von Oceanside nach Indianapolis haben rund 4 800 Kilometer Strecke und 30 000 Höhenmeter die Teilnehmer erwartet. Unser Mitarbeiter Michael Just hat sich mit Vico Merklein über seine Erfahrungen gesprochen.

Wie sah denn ihr Team aus, Herr Merklein?

Wir hatten ein Vierer-Team, das aus zwei Deutschen und zwei Amerikanern bestand. Gefahren wurde in einem Zeitraum von 16 Stunden, in denen jeweils immer ein Fahrer auf der Strecke war und sich in mehreren Schichten auspowerte.

Was war das Schlimmste an der Tour?

Die Schlaflosigkeit. Auch wenn du nicht fährst, machst du kaum ein Auge zu, weil du immer wieder wie ein Staffelläufer geistig zu dem Punkt voraus fährst, wo dein nächster Einsatz beginnt. Im Prinzip habe ich drei Stunden pro Tag geschlafen. Das wusste ich vorher nicht und wenn, hätte es auch nichts genutzt, weil man Schlafdefizit nicht trainieren kann.

Die Berge dürften auch nicht ohne gewesen sein ...

Solche Berge wie die Rocky Mountains und die Appalachen habe ich noch nie gesehen. Manchmal hast du dir nichts sehnlicher als noch ein paar weitere Gänge gewünscht. Kommst du unter eine gewisse Zahl an Kurbelumdrehungen pro Minute, fühlt es sich an, als ob dir jemand die Arme ausreißt. Irgendwann stellte sich die Frage, ob dein Körper auf dich hört oder du auf deinen Körper.

Das klingt nach einer „Tour der Torturen“.

Beim Essen wurde alles verschlungen, was Kohlenhydrate hat, sonst gleicht dein Körper einem Motor ohne Benzin. In drei Tagen hatte ich schon das gegessen, was ich sonst in einer Woche zu mir nehme. Irgendwann vergeht der Genuss, weil du nicht dauernd Nudeln und Power-Riegel essen kannst. Zeit zum Duschen und Klamotten waschen blieb nur alle zwei bis drei Tage, wenn ein kurzer Stopp in einem Motel anstand. In den Begleitautos stank es zum Schluss wie in einem Puma-Käfig.

Was waren die positiven Eindrücke der Tour?

Ich habe 1000 Bilder im Kopf von Sonnenauf- und untergängen, Nebelfeldern, grünen und kargen Landschaften mit Wüsten, Bergen, Tälern, Wäldern und Blumenfeldern. Dazu kommen noch die klimatischen Erfahrungen von brennender Sonne bis zu einem frierenden Körper. Die vielen Eindrücke habe ich noch gar nicht alle verarbeitet. Ein Kumpel hat es mit einem Autounfall und einer Amnesie verglichen: Zu viele Bilder in kurzer Zeit, von denen man gar nicht weiß, wo sie hingehören.

Wie groß war das Teilnehmerfeld?

350 waren am Start, die meisten davon Triathleten. Darunter auch vier verrückte Handbiker, die so kühn waren zu sagen ‚Wir packen das nur mit unseren Armen’. Bis auf mich bestand das Behindertenteam nur aus Triathleten. Die wenigsten wissen, was ein gelähmter Triathlet leistet: 3,8 Kilometer schwimmen ohne Beineinsatz, 180 Kilometer mit dem Handbike kurbeln und zum Schluss der Marathon mit dem Schieben des Rennrollstuhls.

Welche Platzierung kam am Ende heraus?

Natürlich schaffst du es als Behinderter nicht, mit den Nichtbehinderten gleich auf zu sein. So waren wir zwar Letzte, erfüllten aber die wahnsinnige Vorgabe, die Strecke in nur neun Tagen zu schaffen. In acht Tagen, neun Stunden und sechs Minuten kamen wir nur kurz hinter dem letzten Fahrrad-Team ins Ziel.

Wie ist der Plan, im nächsten Jahr wieder?

So etwas macht man eigentlich nur einmal im Leben. Wir wollten beweisen, dass auch als Rollstuhlfahrer so etwas möglich ist. Als eine Art nicht funktionierender Mensch, für den man oft gehalten wird, haben wir dazu eine Riesenleistung hingelegt. „Behindert“ heißt auf englisch „disabled“ und bedeutet so viel wie „nicht können“. Angespornt hat uns einmal ein Passant, der gesagt hat „You are not disabled, you are abled!“ Damit hat er gemeint „Wow, und wie ihr könnt!“.

Was Sie können, haben Sie ja eine Woche nach der Rückkehr mit einem neuen Weltrekord gezeigt.

In Heidelberg konnte ich eine neue Bestzeit bei den Handbikern über die Marathondistanz herausfahren. Bisher hat es weltweit keiner geschafft, die 42,195 Kilometer schneller als in einer Stunde und drei Sekunden zurück zu legen.

Was kommt als nächstes?

Ich habe in den vergangenen Monate viel erreicht. Mein Bruder hat mich neulich gefragt, was da an Zielen noch übrig ist. Da wären noch Marathons in Berlin, New York und Washington D.C. oder bei der Weltmeisterschaft in sechs Wochen in Italien auf dem Treppchen zu stehen. Ein befreundeter Handbiker aus Holland hat vorgeschlagen, dass wir von Europa in seine Heimat in den Libanon fahren. Es gibt im Leben immer eine neue Stufe der Herausforderung.

Quelle: op-online.de

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