„Geschichte war mal was anderes“

+
Ein Heimatforscher mit Leidenschaft: Helmut Mahr aus Sickenhofen.

Sickenhofen - 84 Jahre und noch kein bisschen müde - fast kein bisschen: Die Singstunde am Abend beim Gesangverein „Bruderkette“ lässt Helmut Mahr inzwischen ausfallen. Von Jens Dörr

Nach mehreren gesundheitlichen Rückschlägen in der Vergangenheit ist der Sickenhöfer inzwischen nicht mehr ganz so flink auf den Beinen und meidet im Dunkeln lieber den Gang durch Sickenhofen. „Sein“ Sickenhofen, könnte man ergänzen: Denn seit 81 Jahren, fast sein ganzes Leben lang, wohnt der gebürtige Altheimer hier, hat sich vielfach um den Ort verdient gemacht. Und tut noch immer, was er kann. Gestern hatte er Geburtstag.

Eins von Mahrs vielen Steckenpferden ist die Heimatgeschichte: „Die ist noch nicht erschöpft. Ich kenne in Sickenhofen zwar jeden Winkel, trotzdem gibt es immer wieder Neues.“ Viel hat Mahr bereits niedergeschrieben - in drei Publikationen: 1985 verfasste er die „Kleine Bildchronik von Sickenhofen“, die gleich auf zwei Arten einschlug im Dorf, das 1977 in Babenhausen eingemeindet worden war. Einerseits ließ Mahr anhand von 80 alten Bildern mit entsprechender Beschreibung die Vergangenheit des Ortes wieder so lebendig werden, dass die Erstauflage bald vergriffen war und der Babenhäuser Heimat- und Geschichtsverein das Büchlein in zweiter Auflage nachdruckte. Andererseits veröffentlichte Mahr in der Chronik erstmals ein Bild von der ersten urkundlichen Erwähnung Sickenhofens im Jahr 987. Das erkannte der Ort als seine Geburtsstunde an – 1987 feierte Sickenhofen entsprechend sein tausendjähriges Bestehen. „Ohne die Urkunde, die ich im Staatsarchiv Darmstadt ausfindig gemacht hatte, wäre das nicht rausgekommen, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten“, sagt Mahr.

„Sickenhofen - eine heimatkundliche Exkursion“

Zwölf Jahre später, 1997, schrieb Mahr seine zweite heimatkundliche Schrift. Titel: „Sickenhofen - eine heimatkundliche Exkursion“. Im Büchlein machte er die Veränderungen im Ortsbild über die Jahrzehnte hinweg deutlich. Beispielsweise die Entwicklung der Schulen seit 1596 dokumentierte er. 2006 erschien zudem ein Band zu den Gewann-Namen, die in Sickenhofen einst entstanden. Wer sich schon immer gefragt hat, woher der Name „Im Ahl“ rührt, wird dort fündig – wie Helmut Mahr insgesamt 84 Gewann-Namen gedeutet hat. „Ahl“ bezeichnete einst einen feuchten Platz nahe eines Gewässers, im Sickenhöfer Fall einen Platz nahe des Richerbachs. So erhielt jedes Gelände seinen Namen, den Gewann-Namen.

Konkret in Arbeit ist derzeit zwar kein viertes Werk, ein solches ausschließen möchte Mahr aber nicht, trotz seiner 84 Jahre. „Man muss sowas machen, um geistig fit zu bleiben“, sagt der frühere Maschinenbauer. Der diplomierte Ingenieur a. D. war unter anderem in leitender Stellung in Maschinenbaufirmen aus Offenbach, Aschaffenburg, Frankfurt und Hamburg tätig, womit in seiner Berufslaufbahn noch wenig Zeit für die Historie blieb. Das kam erst gen Ruhestand: „Ich hatte immer mit Technik und Maschinen zu tun, Geschichte war mal was ganz anderes“, lächelt Mahr. Der widmet er sich jährlich auch mit Vorträgen in Sickenhofen, zuletzt im Januar: „Das Interesse an Geschichte ist hier groß“, freut er sich.

Der Sohn des Altheimers Philipp Mahr und seiner Sickenhöfer Mutter Katharina packte in sein langes Leben derweil noch mehr: Als engagierter Sozialdemokrat arbeitete er 38 Jahre lang als Gemeindevertreter, Stadtverordneter und Ortsbeirat in der Kommunalpolitik mit. 2007 wurde er mit der Bezeichnung „Ehrenortsvorsteher“ dekoriert. „Das bin ich immer noch, das wird man nicht los“, meint Mahr schmunzelnd. 16 Jahre lang war er Sickenhöfer Ortsvorsteher, zudem 15 Jahre lang ehrenamtlicher Schöffe. Seit mehr als 40 Jahren ist er in der SPD, noch ein Jahrzehnt mehr aktiv bei der „Bruderkette“. Ein „toller Verein“, wie Mahr betont.

Anhänger der Dorfverschönerung

Als Anhänger der Dorfverschönerung leitete Mahr von 1978 bis 1980 die Bemühungen Sickenhofens beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Mit Erfolg: Der gerade in Babenhausen eingemeindete Ortsteil wurde zweimal Bezirkssieger und einmal Zweiter auf Landesebene. Dass er Mitglied in der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr ist, bezeichnet der „Durch-und-durch-Sickenhöfer“ als „selbstverständlich“.

Die Arbeit, die Mahr über Jahrzehnte hinweg für „sein“ Sickenhofen geleistet hat, blieben indes auch der Öffentlichkeit nicht verborgen: 1991 erhielt er den Landesehrenbrief, 2010 überreichte ihm Landrat Klaus Peter Schellhaas das Bundesverdienstkreuz. Zurücklehnen wird sich Helmut Mahr deshalb nicht: Im Interview weist er auch auf die Möglichkeit hin, dass die drei Publikationen weiterhin beim HGV bestellbar sind.

Quelle: op-online.de

Kommentare