Historisches und Erheiterndes

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Da blieb kein Auge trocken: Gerd Grein, ehemaliger Leiter des Museums auf der Veste Otzberg, erzählte und trug Gedichte vor - alles in Mundart.

Hergershausen ‐ Es gibt Fragen, die selbst gebürtige Hessen nur schwer beantworten können: „Wie heißt das meist gebräuchlichste Wort in unserem Bundesland?“ Gerd Grein, der wohl bekannteste Mundartkenner und -erzähler Südhessens, weiß die Antwort: Es lautet schlichtweg „ebbes“. Von Michael Just

Der 65-jährige, ehemalige Museumsleiter der Veste Otzberg, war auf Einladung des Vereins Herigar in der Alten Schule zu Gast. In seinem einleitenden Prolog schaffte er es gekonnt in nur wenigen Sätzen viele Dutzend Male das Wort „ebbes“ einzubauen („wer heiern will, der muss sich ebbes suche, a Mädsche, was ebbes ist, nach ebbes aussieht und ebbes kann...“). Mit soviel „ebbes“ hatte Grein gleich in den ersten Minuten auf höchst amüsante Weise die Sympathien des Publikums auf seine Seite gebracht.

Laut Maren Gatzemeier von Herigar passt die selbst ernannte „Babbelschnuud“ wunderbar in die Veranstaltungsreihe des Vereins: „Wir haben das Ziel, Brauchtum zu erhalten, und da gehört einfach Mundart dazu“, so Gatzemeier. Stets mit einem liebenswerten, schelmischen Grinsen im Gesicht und ohne Manuskript trug Grein Märchen, Erzählungen und Gedichte vor. Bei seinem Auftritt waren natürlich die Hiergeborenen im Vorteil, wenn es Worte wie „Appelgrotze“ oder „Schawelsche“ zu verstehen galt. Manchmal gab der gebürtige Langener, wenn er sich wie etwa im Fall von „Schawelsche“ nicht sicher war, dass es die meisten verstanden hatten, noch eine hochdeutsche Erklärung („kleiner Schemel“) hinzu.

Umwandlung von Märchen in Mundart

Den Abend gestaltete Grein nicht nur äußerst unterhaltsam, sondern auch mit viel Witz und Humor, so dass es im Publikum reichlich zu lachen galt. Vor allem die Märchen wie „Schneewittchen“ oder „Rapunzel“ begeisterten: Die Orte der Handlung spielten im Südhessischen und wurden manchmal noch in die Gegenwart transferiert. Da steht dann plötzlich eine Gruppe Landfrauen in Zipfen (bei Lengfeld) an der Bushaltstelle, von denen eine Rapunzel helfen will, indem sie zur Problembewältigung beim Edeka an der Kasse mal die Ohren offen hält. Dass da kein Auge trocken bleibt, versteht sich von selbst.

Die Umwandlung von Märchen in Mundart ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Brüder Grimm sich in besonderer Weise um das Hochdeutsche bemühten und damit als Väter der Germanistik gelten. Tiefe und Substanz verlieh Grein dem Abend durch seine Ausflüge in die hessische Historie: Dazu zählten Geschichten und Anekdoten über den Äppelwoi, die preußischen Zeiten in Frankfurt oder Scharmützel zwischen hessischen und bayerischen Soldaten. Nicht nur in diesem Fall kombinierte Grein Historisches und Erheiterndes, als er erklärte, wie die Hessen 1866 zu ihrem „Ounome“ „Die blinden Hessen kamen“. Damals beschossen sie nämlich bei Aschaffenburg in den frühen Morgenstunden einen dampfenden Misthaufen, den ein Bauer frisch abgesetzt hatte. Den aufsteigenden Rauch hielten die Soldaten für Pulverdampf des Gegners...

Quelle: op-online.de

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