„Immer öfter Sozialmanagement“

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Ina Hildwein und Michael Spiehl von der städtischen Kinder- und Jugendförderung.

Babenhausen ‐ Welche Wege geht die Kinder- und Jugendförderung, wo liegen ihre Schwerpunkte? Derzeit wird auf der politischen Ebene über die Arbeit diskutiert, Bilanz gezogen und Ausschau gehalten. Unser Redakteur Stefan Scharkopf sprach darüber mit dem Leitungsteam der städtischen Kinder- und Jugendförderung, Michael Spiehl und Ina Hildwein.

Frau Hildwein, Herr Spiehl, welche Projekte laufen gut?

Spiehl: Unsere Ferienangebote und alles was mit „Event-Charakter“ zu tun hat, beispielsweise Museumsfahrten, werden sehr stark nachgefragt. Da gibt es Wartelisten. Diese Angebote stehen oft unter dem Motto „Forschen und entdecken“ oder haben erlebnispädagogische Inhalte. Die dreitägige „Steinzeitsafari und Abenteuer“ in den Osterferien war sofort ausgebucht. Anders sieht es mit offenen und regelmäßigen Angeboten aus, die außerhalb der Ferien laufen. Da merken wir, dass viele nicht immer dabei sein können oder später kommen...

...warum?..

Spiehl: ...weil für viele Jugendliche es mittlerweile oft stressig ist, nach Schule und Hausaufgaben noch unsere Termine wahrzunehmen. Durch Ganztagsschule und G8 am Gymnasium haben die Schüler ein straffes Programm. Aber das merken nicht nur wir in der Jugendpflege, sondern auch die Vereine. Nachgefragt werden gerne unverbindliche Angebote, die flexibel wahrgenommen werden. Beim Offenen Jugendtreff haben die Jungen und Mädchen früher um halb drei geklopft und gewartet, dass wir aufmachen. Heute kommen die erst gegen vier.

Wo sind die Schwerpunkte 2010?

Spiehl: Die Jugendarbeit steht dieses Jahr unter dem Motto „Prävention, Integration und Beteiligung“. „Was brauchen Kinder und Jugendliche im Erloch?“, lautet die Frage für ein Projekt. Es wird dort ein Fest geben und wir suchen eine Anlaufstelle oder einen Treff für Kinder und Jugendliche. „Kinder stark machen“ lautet ein weiteres. Auch die Jugendlichen aus den Stadtteilen wünschen Angebote. Deshalb besuchen wir jetzt auch die Ortsbeiräte und stellen unser Programm vor. Eine wichtige Sache ist natürlich die Integration der Jugendlichen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Wir haben jetzt zum zwölften Mal in Zusammenarbeit mit der Offenen Schule die Job-Info-Börse angeboten. Wir als Jugendpfleger haben eine andere Rolle als Lehrer, wir vermitteln nicht primär Wissen, geben keine Noten und stehen in einem anderen Verhältnis zu den Jugendlichen.

Wenn wir uns zurückzögen, würde es vielleicht dieses Angebot nicht mehr geben. Die jungen Leute auf den Beruf vorzubereiten, ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Nicht wenige Jugendliche legen uns ihre Bewerbungsunterlagen vor und bitten uns, mal drüber zu gucken. Im Prinzip sollen unsere Angebote nachhaltig sein, doch alles wird schnelllebiger. Wir betreiben immer öfter Sozialmanagement und müssen organisieren, planen, steuern und anleiten. Dafür verbringen wir sehr viel Zeit am Schreibtisch, für unsere eigentliche Klientel bleibt weniger Zeit. Einiges müssen wir mit unseren drei 400-Euro-Kräften abdecken. Die neue Generation im Offenen Treff kennt mich eher aus Projekten und der Schule als aus dem Treff. Als ich 1998 angefangen habe, konnte ich noch Beziehungsarbeit leisten, viele von den Jugendlichen sind heute Mitte 20 und kommen immer noch zu mir, wenn sie Probleme haben.

Das Wohngebiet Erloch hat spezifische Probleme...

Hildwein: Ja. Laut Landkreis Darmstadt-Dieburg liegt dort die Quote aller Hilfen und Maßnahmen des Jugendamtes kreisweit auf dem zweithöchsten Rang. Da der Großteil der Hilfen zur Erziehung oder der Eingliederungshilfen im Erloch stattfindet, gibt es einen Handlungsbedarf.

Die Arbeit der Jugendpflegen war in der Vergangenheit oft an Mädchen orientiert.

Hildwein: Das Projekt „Feine Kerle auf Tour“ werden wir in Zusammenarbeit mit anderen Jugendförderungen wieder anbieten. Wir werden auch ein Auge haben auf jugendliche Migranten. Die machen oft die schlechteren Schulabschlüsse. Hier muss Jugendarbeit einsetzen. Die Ansprüche der Arbeitgeber sind gestiegen, da müssen wir auch unsere Klientel fit machen, gerade Jungs. Mädchenarbeit war in den 70er/80er Jahren groß, heute agieren die Mädchen viel selbstbewusster. Jungs sehen sich oft im Mittelpunkt, allerdings bleiben die auch oft auf der Strecke. Dazu kommt noch die unterschiedliche Sozialisation durch die Kulturen.

Spiehl: Im Erloch wäre es gut, einen Raum zu haben, in dem sich Kinder und Jugendliche treffen, ihre Hausaufgaben machen und vielleicht in ein belegtes Brötchen beißen können. Wir brauchen jemanden als Ansprechpartner vor Ort. Dieser wird fachlich an die Jugendförderung angedockt mit dem Ziel, die Kinder ins Juz zu bringen.

Der Präventionsgedanke rückt wegen immer wiederkehrender Gewalttaten Jugendlicher in den Mittelpunkt. Was tun Sie in Babenhausen?

Hildwein: Es gibt keine speziellen Angebote, die ausschließlich Prävention zum Ziel haben. Das hat aber damit zu tun, dass Prävention unser täglich Brot ist und Teil unserer Gruppenangebote. 2009 hatten wir Präventionstheater angeboten, da ging es unter anderem um das Thema Mobbing und Gewalt. Im Rahmen einer Informationsveranstaltung mit dem Vereinsgremium hatten wir Jugend und Alkohol thematisiert. Beim letzten Altstadtfest gab es je nach Alter unterschiedliche Armbänder, die für den Ausschank von Alkohol vorgezeigt werden mussten. Dieses Jahr soll es eine Rückmeldung geben, ob es ein Erfolg für die Vereine war.

Spiehl: Teil unserer Präventionsarbeit ist auch, dass wir uns um Leute kümmern, die gerichtliche Arbeitsauflagen zu erfüllen haben. Da haben 2009 sieben Jugendliche 412 Stunden geleistet. Denen stehen wir auch mit Rat zu Seite; etwa beim Bewerbungen schreiben. Wir reden über ihre Zukunft und arbeiten ihre Vergangenheit auf. Das ist ein Beitrag zur Kommunalen Kriminalprävention.

Gibt es auch Angebote, die weniger gut angenommen werden?

Spiehl: Ja. Leider kommen beim Kinderkino in der Kernstadt im Schnitt nur 15 Kinder pro Vorstellung. Wir haben versucht, das Angebot an Kirchen oder Vereine abzugeben. Doch keiner wollte. Das Kino ist sehr zeitaufwändig. Es würde mir Leid tun, es aufzugeben.

Quelle: op-online.de

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