Vor 40 Jahren Zwangseingemeindung nach Babenhausen

Sickenhofen: Wird ein Dorf zum Stadtteil...

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Den Blick auf Sickenhofen gerichtet hat junge Reiterin. Sickenhofen kennt sie nur als Stadtteil von Babenhausen. Lange war die Ortschaft aber eine eigenständige Kommune. Die Eingemeindung jährt sich am morgigen Neujahrstag zum 40. Mal.

Sickenhofen - Wohl oder Übel? Seit 40 Jahren gehört Sickenhofen zu Babenhausen. Die Umwandlung von der autonomen Gemeinde zum fünften Stadtteil empfanden die Bürger anfangs gewöhnungsbedürftig. Von Walter Kutscher

Rückblickend waren die Auswirkungen der Eingemeindung nicht immer so schlimm, wie viele befürchtet hatten. Lange konnte sich die Gemeinde Sickenhofen erfolgreich als selbstständige Kommune im ehemaligen Landkreis Dieburg behaupten. Am 1. Januar 1977 aber war damit Schluss: Das hessische Gesetz zur Neugliederung der Landkreise Darmstadt und Dieburg bestimmte unter anderem die Eingliederung der Gemeinde Sickenhofen in die Stadt Babenhausen. Fünf Jahre zuvor waren Harreshausen, Harpertshausen und Langstadt dran, während Hergershausen noch bis 30. Juni 1972 autonom blieb. Der Schritt aus der Selbstständigkeit wurde in Sickenhofen durchaus skeptisch gesehen. Bei der letzten Gemeindevertretersitzung, zu der sich viele Einwohner am 28. Dezember 1976 in der Pfarrscheune einfanden, sah als Tagesordnungspunkt „die Verabschiedung der Gemeindevertretung“ vor. Zum damaligen Vorstand der Gemeinde gehörten die Beigeordneten Rudolf Schrodt und Philipp Brunn, Gemeinderechner Otto Walentschka, eine Sekretärin Frau Hahn und weitere Gemeindevertreter, unter ihnen der spätere Ortsvorsteher Helmut Mahr. Bürgermeister war Friedel Wiesinger, der allen Gemeindevertretern abschließend für ihre uneigennützige Tätigkeit dankte.

Verschiedene Motive von Sickenhofen zeigt diese Postkarte von 1925. Damals konnte man Postsendungen noch an „6111 Sickenhofen“ adressieren. Mit der Eingemeindung vor 40 Jahren änderte sich die Anschrift in „6113 Babenhausen 4“.

Erst gewöhnen mussten sich die Sickenhöfer an neue Straßennamen, denn einige waren identisch mit denen der anderen Babenhäuser Stadtteile. Die Straße am Ortseingang aus Richtung B 26 kommend war vormals die Bahnstraße, trägt nun aber den neuen Namen Sachsenhäuser Straße. Zur Rosenstraße wandelte sich die Spessartstraße, die es auch in der Kernstadt gibt. Und wegen einer Dopplung mit Hergershausen wurde aus der Odenwaldstraße die Hergerstraße. Zuerst schwer vorstellbar, doch auch für die Sickenhöfer ging nach der Eingemeindung das Leben weiter – wenn auch jetzt die Behördengänge in Babenhausen erledigt werden mussten. Die Umstellung wurde erleichtert durch Bürgersprechstunden im alten Sickenhöfer Rathaus, bei denen Mitarbeiter der Stadtverwaltung allerlei Fragen zu verschiedenen Angelegenheiten beantworteten.

Oft hatte es für die Bewohner den Anschein, dass die Stadtteile vernachlässigt würden. Trotzdem erfolgte die Weiterentwicklung der dörflichen Strukturen. Dafür sorgten die Ortsbeiräte, die die lokalen Interessen der Sickenhöfer in der Stadt vertreten. So wurde Sickenhofen 1988/89 an die zentrale Kläranlage angeschlossen, zwei Neubaugebiete wurden zwischen 1995 und 2003 erschlossen und der Einbau einer Kühlanlage in der Friedel-Wiesinger-Halle erfüllt bis heute bei vielen Veranstaltungen ihren Zweck. Weitere Verbesserungen betreffen unter anderem die Vergrößerung des Kindergartens, den Ausbau des Stadtbusverkehrs und die Breitbandversorgung. Trotzdem trauert so mancher Sickenhöfer den früheren Zeiten nach, in denen Briefe und Postkarten nach „6111 Sickenhofen“ verschickt wurden. Denn nach der Eingemeindung lautete die postalische Bezeichnung „6113 Babenhausen 4“.

Einige Heimatforscher, wie Ehrenortsvorsteher Helmut Mahr und Tilo Fink vom Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen, haben viel dazu beigetragen, die Geschichte des Ortes in Wort und Bild festzuhalten. So ist unter anderem in verschiedenen Publikationen nachzulesen, dass sich auch die Schreibweise des Dorfnamens im Laufe der Zeit geändert hat. Im Jahre 987 wurde der Ort Sickenhofen erstmals in einer Urkunde erwähnt. Darin heißt es, der in „sicgenhouon“ ansässige Liuthart müsse eine Abgabe von zwei Denare zahlen. In Schriften von 1246 liest man von „Siggenhoven“, 1527 von „Sickhofen“, was schon sehr ähnlich klingt zum heutigen Ortsnamen. Auch zu den Einwohnerzahlen sind historische Aufschreibungen vorhanden. 446 Einwohner wurden im Jahre 1829 gezählt, 1961 waren es 748 und mit Stand Dezember 2016 sind in Sickenhofen 1514 Personen mit dem ersten Wohnsitz gemeldet, so teilt es das Einwohnermeldeamt mit.

Bilder: Babenhausen und Stadtteile

Wie in anderen Dörfern mit ähnlicher Struktur bietet Sickenhofen nur wenige Einkaufsmöglichkeiten. Ein Hofladen offeriert zwei Mal in der Woche Gemüse, Salate und Obst. Dazu gibt es ein nettes Schwätzchen für die Kunden. Das gleiche gilt für die kleine Postfiliale, wo es auch noch Zeitschriften, Backwaren sowie Schreibutensilien für Schulkinder gibt und Lottospieler ihren Schein ausfüllen.

Was noch zu erwähnen bleibt sind ein Wirtshaus, die Kirche, zwei Bankfilialen und verschiedene Vereine. Gerade letztgenannte sorgen dafür, dass sich Menschen treffen und ihren Interessen nachgehen können. Bürgermeister Achim Knoke hatte kürzlich beim Seniorennachmittag erwähnt, dass es gerade die Vereine mit all ihrem Unternehmungsgeist seien, die zu einer funktionierenden Dorfgemeinschaft beitragen. In den nächsten Jahren – hoffentlich – werden sich die Sickenhöfer weiterhin bei Vereinsfesten treffen, über politische Entscheidungen diskutieren und sich trotz der Eingemeindung wohlfühlen.

Quelle: op-online.de

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