Dampf über dem Schienenstrang

Vor 160 Jahren fuhren die ersten Züge in Babenhausen

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Die fabrikneuen Fahrzeuge der Hessischen Landesbahn verkehren seit dem 9. Dezember auf der Strecke Darmstadt-Aschaffenburg. Hier fährt ein Doppelzug in Hergershausen ein.

Babenhausen – Die Eisenbahn brachte vor 160 Jahren Babenhausen und der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern Anschluss an die Residenzen an Woog und Main. Ab 18. November verkehrten die ersten Güterzüge und am 27. Dezember 1858 die ersten Personenzüge zwischen Darmstadt und Aschaffenburg. Danach vergingen aber noch einige Jahre, bis aus dem Bahnhof Dieburg ein Eisenbahnknotenpunkt wurde. Von Walter Kutscher

Die Eisenbahn hatte gegen Ende 1858 auch Dieburg erreicht und brachte der Bevölkerung Anschluss an die Residenzen an Woog und Main – moderne Zeiten zogen ein. Die gesetzliche Grundlage des Bahnbaues bildeten die Hessische Konzession vom 3. März 1856 an die Hessische Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft (HLEG) und der Bayerisch-Hessische Staatsvertrag zum Bau einer Eisenbahn vom 20. März 1852.

Der Betreiber damals war die Hessische Ludwigsbahn (HLB), die eng mit der preußischen Bahn zusammenarbeitete, und daher wurden schon frühzeitig genormte Loks und Wagen beschafft, die Bahnanlagen ähnelten sich, und die Fahrpläne auf Strecken unterschiedlicher Betreiber wurden koordiniert. In den ersten Jahren des Betriebs war das Bahnhofsgebäude noch von einfacher Bauart, der Schienenstrang bestand nur aus einem Gleis. Der Bau des zweiten Gleises erfolgte nach dem Krieg 1870/71. Am 1. April 1883 wurde die mitteleuropäische Zeit im bürgerlichen Leben und im gesamten Eisenbahndienst eingeführt.

Danach vergingen noch einige Jahre, bis aus dem Bahnhof Dieburg ein Eisenbahnknotenpunkt wurde.

Am 30. September 1896 fuhr der erste Zug feierlich geschmückt, von Offenbach nach Reinheim über Dieburg und Groß-Zimmern. Seinerzeit war das Bahngelände gegenüber den ersten Jahren bereits gewachsen, das Bahnhofsgebäude in seiner heutigen Form wurde in den 1860er Jahren errichtet, und die Ausstattung des Bahnhofs bestand, wie aus Unterlagen von 1884 aus dem Darmstädter Staatsarchiv ersichtlich ist, unter anderem aus Drehscheibe und Wasserkran zum Drehen und der Versorgung der Dampflokomotiven sowie Güterschuppen und Gleiswaagen für den Einsatz im Güterverkehr.

Nachdem Hessen-Darmstadt und Preußen im Jahre 1896 eine Eisenbahngemeinschaft geschlossen hatten, wurden ab dem 1. Februar 1897 alle im betreffenden Bereich liegenden Eisenbahnlinien zur Hessischen Staatsbahn zusammengefasst. Dies betraf auch die Strecken, die Dieburg berührten. Nach Gründung der Deutschen Reichsbahn am 1. April 1920 wurden die Bahnlinien um Dieburg der Reichsbahndirektion Mainz zugeschlagen. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Eisenbahn unter Führung der Deutschen-Reichsbahn-Gesellschaft zum größten Unternehmen der Welt. Zwischen den beiden Weltkriegen – einer Zeit, in der die Bahn ihre höchste Blüte erreichte – verdienten 653.000 Menschen ihr Brot bei der Eisenbahn. Auch für große Teile der Bevölkerung in und um Dieburg war die Bahn der Arbeitgeber. In fast jeder Familie stand ein Mitglied im Dienste der Eisenbahn.

Jahrelang bestimmten Loks der Baureihe 141 mit den sogenannten Silberlingen den Personenverkehr in Babenhausen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ergab sich eine Neugliederung der Eisenbahndirektionsbezirke, und am 1. August 1945 wurden die rechtsrheinisch gelegenen Strecken und Bahnhöfe der Direktion Frankfurt zugeordnet. Auch Dieburg fiel unter diese Maßnahme, die mit Schreiben aus Mainz vom 14. August 1945 bekannt gegeben wurde. Mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung begann sich auch in Dieburg und auf den umliegenden Bahnhöfen die Lage zu normalisieren. Die Beförderungszahlen wuchsen wieder an, und die Konkurrenz der Straße machte sich erst Mitte der 1950er Jahre bemerkbar. Mit Inkrafttreten des Sommerfahrplans 1965 wurde der Gesamtverkehr auf der Nebenbahn-Strecke Dieburg-Groß-Zimmern-Reinheim stillgelegt.

In den 1950er Jahren standen in der technischen und der betrieblichen Abteilung des Bahnhofs Dieburg und der Umgebung einiges an Rationalisierungen an. Bahnübergänge verschwanden, andere erhielten Halbschranke und Blinklicht, die Gleisanlagen des Bahnhofs erfuhren Verschiebungen.

Die ersten Züge von Babenhausen nach Aschaffenburg benötigten für die 14 Kilometer lange Strecke noch 45 Minuten. Vier Fahrten je Richtung am Tag bildeten vor 160 Jahren das Zugangebot. Das Fahrgeld wurde noch in Gulden bezahlt.

Eine wesentliche Veränderung, die Elektrifizierung der zweigleisigen Hauptbahn Darmstadt-Aschaffenburg, fand in den Jahren 1958/59 statt. Am 9. Mai 1960 wurden die ersten Personenzüge von elektrischen Lokomotiven gezogen. Dies hatte zur Folge, dass sich die Fahrzeiten von Dieburg nach Darmstadt um etwa 10 und von Dieburg nach Aschaffenburg um etwa 5 Minuten verkürzten.

In den Jahren 1972/73 wagte die Stadt Dieburg einen mutigen Schritt und ließ in das neue Industriegebiet nördlich der Bahnlinie Darmstadt-Aschaffenburg ein 1,2 Kilometer langes Gütergleis verlegen, das im Bahnhof abzweigte. Einige Firmen nutzten das Gleis, um dort Güter zu entladen oder zu versenden. Heute erhält trotz des stark gewachsenen Industriegebietes nur noch das OTLG-Vertriebszentrum von Volkswagen Waggons mit Autoersatzteilen.

Ein weiterer Schritt im Zuge der Rationalisierung war am 13. Dezember 1993 abgeschlossen. Das neue Stellwerk am großen Bahnübergang „Frankfurter Straße“ übernahm mit seiner elektronischen Ausrüstung die Arbeit von drei Stellwerken herkömmlicher Bauart mit mechanischer Technik. In den Jahren 2000 und 2005 wurde der Bahnhof modernisiert, barrierefrei ausgebaut, und der Bahnübergang, der immer für lange Wartezeiten des Straßenverkehrs sorgte, verschwand nach Umbauarbeiten und Eröffnung der Unterführung 2012.

Bilder: 160 Jahre Eisenbahn - der Knotenpunkt Babenhausen

Planungen der Deutschen Bahn sehen vor, bis zum Jahr 2020 die Strecke zwischen Darmstadt und Babenhausen auf digitale Stellwerkstechnik umzustellen und die Höchstgeschwindigkeit auf 140 km/h zu erhöhen. Die Hauptbauarbeiten begannen im vergangenen August. Die Inbetriebnahme des neuen elektronischen Stellwerks ist für August 2020 vorgesehen. Die Bahn prüft zurzeit noch, ob die Bedienungselemente im Dieburger Stellwerk eingebaut werden oder wie ursprünglich geplant, in Kranichstein. Im Bahnhof Messel wird der Bahnsteig am Gleis 1 erhöht. Ein neuer Außenbahnsteig am Gleis 2 ersetzt künftig den Zwischenbahnsteig. Der Umbau ermöglicht einen stufenlosen und bequemen Einstieg in die Züge. Inbetriebnahme der neuen Bahnsteige ist für Dezember 2019 geplant.

War zu Beginn des Bahnbetriebes 1858 die Hessische Ludwigsbahn (HLB) der Betreiber der Personenzüge, wechselte dies nach 1918 zur Deutschen Reichsbahn und nach 1946 zur Deutschen Bundesbahn. Nun übernahm vor wenigen Tagen, zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember dieses Jahres, die Hessischen Landesbahn den Betrieb, sodass nach 160 Jahren wieder der Schriftzug HLB auf den Triebwagen prangt.

Quelle: op-online.de

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