Jüdischen Friedhöfe

Grabsteine für die Ewigkeit

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Georg Wittenberger erklärt auch die Bedeutung von Inschriften auf den Grabsteinen des jüdischen Friedhofs.

Babenhausen - Die jüdischen Friedhöfe in der Kernstadt und in Sickenhofen sind besondere Orte der Stille. Von Ulrike Bernauer 

Tiefe Stille liegt über dem Friedhof, lediglich das Gesumm einiger Insekten ist zu hören. Das Gras überwuchert fast manchen niedrigen Grabstein und von Blumenschmuck keine Spur. Die Begräbnisstätte hat keinerlei Ähnlichkeit mit einem christlichen Gottesacker.

„Ich war noch nie auf einem jüdischen Friedhof und ich will mir das einfach mal anschauen. Ich interessiere mich allgemein für die Geschichte und ich wüsste gerne, wer hier liegt. Man will wissen, was in der Umgebung so alles passiert ist und was es so alles gibt“, sagte Isabelle Müller aus Eppertshausen. Sie hatte sich der Führung über den jüdischen Friedhof der Kernstadt angeschlossen und kam mit Nicole Geyer, die als Kind schon einmal hier war, sich daran aber nicht mehr erinnert.

Müller und Geyer zeigten sich erst mal erstaunt. Der Heimatkundler Georg Wittenberger hatte die Antwort: „Der jüdische Glaube, jedenfalls in Mitteleuropa, untersagt, dass Blumenschmuck bei einer Beerdigung mitgebracht wird. Stattdessen werden Steine auf den Grabstein gelegt. Eine jüdische Grabstätte wird außerdem nie doppelt belegt, sie bleibt für die Ewigkeit.“ Der Friedhof hat sich durch die extensive Nutzung – er wird nur dreimal im Jahr gemäht – zu einem Rückzugsgebiet für Fauna und Flora entwickelt. Die beiden Eppertshäuserinnen bewunderten die Karthäuser Nelke, die hier wild wächst.

Unterschiede zwischen Kernstadt und Sickenhofen

Von 1692 ist der älteste sichtbare Stein auf dem 5 200 Quadratmeter großen Grundstück. „Hier wurden arme Landjuden beerdigt“, erklärte Wittenberger, „das sieht man nicht nur an den Grabsteinen, sondern auch daran, dass der Friedhof keine Mauer hat, die hätte Geld gekostet.“ Aus mehreren Gemeinden wurden hier Mitbürger jüdischen Glaubens beerdigt, dazu gehörten nicht nur Babenhausen, sondern auch Schaafheim, Schlierbach, Langstadt, Teile von Groß-Umstadt und Ober-Roden.

Während der jüdische Friedhof der Kernstadt im Wesentlichen arme Juden beherbergt, verhält sich das auf dem Sickenhöfer Friedhof anders. Hier sind reichere Juden begraben, in Sickenhofen lebten viele Geflügelzüchter, die später nach Groß-Zimmern zogen. Dennoch fanden die Besucher die Stimmung auf dem Babenhäuser Friedhof ganz besonders. Auch wenn man nur noch einen Teil der Grabsteine sieht. Im mittleren, ältesten Teil des Geländes sind die Grabsteine schon im Boden versunken. „Wenn Sie auf ihre Schritte achten, dann werden Sie merken, dass Sie meist auf weichen Boden treten, mitunter aber ist er hart, dann liegt vermutlich ein Grabstein darunter“, erklärte Wittenberger.

In den späten 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts wurden alle damals noch sichtbaren Steine erfasst und dokumentiert. Ein Judaist aus Gießen übersetzte die Inschriften aus dem Hebräischen. Da in Babenhausen keine jüdischen Mitbürger mehr leben, konnte das nicht von einem Einheimischen erledigt werden. Würden noch Juden in Babenhausen leben, dann würden sie dennoch auf diesem Friedhof nicht mehr zur Ruhe gebettet, heute finden Beerdigungen in Darmstadt statt. So wird der jüdische Friedhof Babenhausen weiterhin ein Ort der Stille sein, eine Überlebensmöglichkeit für seltene Tiere und Pflanzen bieten und die sichtbaren Zeugnisse, die Grabsteine werden weiterhin in der Erde versinken.

Quelle: op-online.de

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