„Talent alleine reicht nicht aus“

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Saiten, Noten und das Metronom bestimmen das Leben von Julia Lange. Die Schülerin gewinnt bundesweit Preise mit der Gitarre. Die Gitarre ist Julia Langes ständiger Begleiter. Stundenlang übt die 15-Jährige auf ihrem Lieblingsinstrument.

Langstadt - Angefangen hat es eigentlich ganz harmlos. Julia Langes Bruder, der sechs Jahre älter ist, nahm Gitarrenunterricht. Die Mutter wünschte sich damals, dass ihr Sohn doch ein Instrument spielen könne. Von Corinna Hiss 

„Die Gitarre war einfach schon im Haus, da dachte ich, dass ich auch damit anfange“, erzählt die 15-Jährige, die heute – sieben Jahre später – auf ihrem Lieblingsinstrument einen Wettbewerb nach dem anderen gewinnt. Julia Lange ist mittlerweile weit über die Grenzen des Babenhäuser Stadtteils bekannt. Nachdem sie bei Fritz Ludwig aus Schaafheim die ersten Erfahrungen auf der Gitarre sammelte, ist sie jetzt im Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt aufgenommen. Bei Lehrer Stephan Werner übt sie seit knapp drei Jahren jeweils zwei Stunden wöchentlich.

Viel mehr Zeit verbringt sie aber täglich mit ihrer Gitarre zu Hause. Das geräumige Wohnzimmer im ersten Stock des Einfamilienhauses ist ihr Reich: Vier Gitarren stehen im Raum, Notenblätter sind auf dem Tisch verteilt, Ständer und Stuhl genau auf ihre Größe eingestellt. In den Osterferien hat sie dort jeden Tag bis zu sechs Stunden geübt – mit Erfolg: Die Schülerin, die in Groß-Umstadt aufs Max-Planck-Gymnasium geht, gewann am letzten Ferienwochenenden Roland-Zimmer-Jugendwettbewerb in Sachsen (wir berichteten). „Talent allein reicht nicht aus, um gut spielen zu können“, weiß die ehrgeizige Gymnasiastin, deren Talent unbestritten außergewöhnlich ist. Vielmehr seien Disziplin und intensives Üben der Schlüssel zum Erfolg. Julia Langes Ziel ist es schon lange nicht mehr, nur gut spielen zu können. Sie liebt es, sich auf Wettbewerbe vorzubereiten, so viele Stunden zu üben, bis jeder Anschlag perfekt sitzt und jede Saite optimal gezupft wird.

Wenn mal eine Passage nicht klappt, schaut sie sich YouTube-Videos an, die ihr hilfreiche Tipps geben. Auch Lehrer Stephan Werner übergeht keinen Fehler, sei er noch so klein und für das Laienohr gar nicht hörbar. „Er achtet auf jede Kleinigkeit und holt dadurch das Beste aus mir heraus“, ist die 15-Jährige überzeugt, im Konservatorium die richtige Förderung gefunden zu haben. Dort hat sie auch ein Stipendium bekommen, das die Hälfte ihrer Ausbildung bezahlt. Die Schule ist bei der Neuntklässlerin hinten angestellt. Obwohl das Gitarre spielen bei ihr oberste Priorität hat, bringt Julia Lange sehr gute Noten heim. Ihre Hausaufgaben erledigt sie auf der halbstündigen Busfahrt oder in den Pausen zwischen zwei Schulstunden. Wenn ihre Freundinnen am Nachmittag Vokabeln pauken, sitzt Julia Lange vor ihrem Notenständer. „Nur die Matheaufgaben muss ich öfter zu Hause lösen“, gibt die Einserschülerin zu.

Als sie das erste Mal bei „Jugend musiziert“ antrat, schaffte sie es in der Kategorie „Pop Gitarre“ direkt auf Bundesebene. Damals wurde sie nur Dritte. „Ich wollte wieder kommen, um dann zu gewinnen“, erzählt die Langstädterin selbstbewusst. Mittlerweile hat sie zwei Mal den ersten Preis bei „Jugend musiziert“ ergattert sowie viele weitere Auszeichnungen. Ihre allererste Gitarre, die sie mit acht Jahren bekommen hat, steht immer noch als Andenken im Wohnzimmer, genauso wie die E-Gitarre, auf der sie aber nur noch selten spielt. Besonders angetan hat es Julia Lange die Western-Gitarre. Auf dem Instrument mit harten Stahlsaiten verbindet sie rhythmisches Klopfen mit fetzigem Gitarrensound.

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Die klassischen Komponisten wie Händel, Haydn oder Beethoven findet sie „zu brav“. Die spanischen Musiker haben es ihr eher angetan. So zählen die Werke Paco de Lucía oder Isaac Albéniz zu ihren Lieblingen. „Das ist temperamentvolle Musik“, findet Julia Lange, die selbst Flamenco tanzt. Auf der Western-Gitarre spielt sie gerne Stücke vom australischen Gitarrist und Songwriter Tommy Emmanuel. Für die Zukunft hat die 15-Jährige große Pläne. Nach dem Musikstudium möchte sie selbst als Lehrerin arbeiten, träumt aber auch von einer Karriere als Solokünstlerin. „Eine Demoplatte habe ich bereits aufgenommen“, verrät sie. Im Sommer, wenn sie Urlaub in St. Peter-Ording macht, gibt sie ein einstündiges Konzert im Museum, das sie dank des Demobandes bekommen hat.

Wenn Julia Lange ihre geliebten Flamencostücke spielt, wird der Zuhörer automatisch nach Spanien versetzt. Leidenschaft, Gefühl, Temperament – die junge Frau versteht es, ihre Emotionen in die Musik zu packen. Abends, wenn ihre Mutter bei einem Glas Wein zuhört, rührt Julia Lange sie zu Tränen. „Sie spielt wunderschön“, ist sie stolz auf ihre talentierte Tochter. Bereits Ende Juni wartet der nächste Wettbewerb. Im nordrhein-westfälischen Velbert tritt sie gegen Konkurrenten aus 30 verschiedenen Ländern an. Übrigens: Ihr Bruder hat das Gitarre spielen mittlerweile aufgegeben.

Quelle: op-online.de

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