Jury-Begehung für den Blumenwettbewerb

Schönste Blüten der Altstadt

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Blütenpracht par exellence: Die Jury um (von links) Rainer Herwig, Wilhelm Spiehl und Reinhold Gottstein begutachtet das wunderbare, aber seltene Farbspiel in der Babenhäuser Altstadt.

Babenhausen - Seit neun Jahren gibt es in Babenhausen einen außergewöhnlichen Wettbewerb: Eine Jury macht sich auf und prämiert den schönsten Blumenschmuck vor und an den Häusern der Altstadt. Am Samstagmorgen wurden erneut Punkte für Zustand, Gestaltung und Aufwand vergeben. Von Michael Just 

Die beiden Sträucher in den Blumenkübeln vor einem Friseurgeschäft nahe der Bummelgass‘ weisen ein sattes, dunkles Grün auf. Die Ästchen sind schön gewachsen und die Blätter deuten eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit an. Trotzdem schütteln Wilhelm Spiehl, Rainer Herwig und Reinhold Gottstein den Kopf: „Nein, Plastikblumen wollen wir eigentlich nicht sehen. Diese werden auch nicht bewertet“, ist sich das Trio einig und geht weiter.

Für den Wettbewerb „Blühende Altstadt“ sollte der Blumenschmuck schon echt sein. In diesem Jahr machte sich die Jury bereits zum neunten Mal auf, um zu schauen, welche Bewohner in der Altstadt sich besonders viel Mühe geben, ihr Haus mit Blumen und Sträuchern in möglichst vielen Kästen und Töpfchen zu verzieren. Der Wettbewerb kam nach der straßenbaulichen Sanierung der Altstadt auf. Mit der Fertigstellung der Arbeiten war aus dem Rathaus zu hören, dass die Stadt – auch als Ziel für Touristen – weitaus attraktiver daherkommt, wenn die Bewohner Blumen und Pflanzen sprechen lassen. Der Babenhäuser Wilhelm Spiehl, dessen grüner Daumen bekannt ist, kam eine Idee: Mit einem Wettbewerb könnte man die Babenhäuser motivieren. Seitdem begeht alljährlich eine Jury, die aus Ideengeber Wilhelm Spiehl und Mitgliedern des Babenhäuser Ortsbeirats besteht, rund ein Dutzend Sträßchen im Altstadtkern. Dabei machen sie sich Notizen und vergeben Punkte, wo Bewohner blühende oder grüne Oasen geschaffen haben. Die Geschäfte werden extra bewertet. Der Rundgang findet stets im Zeitraum Juni bis Juli statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. In der Vergangenheit erhielten die fünf besten Bewertungen einen kleinen Sachpreis. Dazu gab es einen Tonteller, der als Unikat aus einer Töpferei die erreichte Platzierung anzeigt. „Oft wird er nach dem Überreichen mit Stolz an die Hauswand gehängt“, weiß Rainer Herwig.

„Mit unserer Begehung im Sommer sind Tulpen und Narzissen leider schon verblüht“, erklärt Blumenfreund Spiehl. Auch der Lavendel habe sein lila Kleid meist schon verloren. „Das versuchen wir in der Bewertung natürlich zu berücksichtigen“, hebt die Jury heraus. So haben die Mitglie der schon im Frühjahr bei privaten Erledigungen in der Altstadt ein Auge auf den Blumenschmuck vor den Häusern. „Zwar sind die Zwiebelgewächse im Sommer bereits weg, dafür ist der gesamte Rest, wie zum Beispiel Rosen, noch da“, ergänzt Spiehl. Letztere würden nicht mehr ganz so auffallend wie im Frühjahr blühen, stellten aber vielerorts immer noch einen herrlichen Anblick dar. Nahezu das ganze Jahr sind Geranien zu bewundern.

Bilder: Babenhausen und Stadtteile

Im Vorfeld des Wettbewerbs wanderten wie jedes Jahr Flyer in die Briefkästen der Altstadt, die darauf hinwiesen, dass es sich lohnt, das Haus mit Natur zu verzieren. Beim Rundgang kommt die Jury regelmäßig mit den Anwohnern ins Gespräch. Am Samstagmorgen traf sie in der Brandgasse auf Jürgen Rudolph. ,Meine Frau sucht die Blumen aus. Ich bin dann lediglich fürs Pflanzen zuständig“, erklärte Rudolph mit Blick auf seine auffallenden Petunien. Eine regelrechte Augenweide tut sich derzeit bei Leni Willand auf. Haus und Balkon in der Badegasse präsentieren sich wie jedes Jahr in einem kaum beschreibbaren Farbenspiel. Die Geranien gehören zu den schönsten der Stadt. Dazu ragen auf wunderbare Weise exotische Palmen im Vorgarten hervor. „Die hat mein Schwiegersohn aus dem Urlaub als Samen mitgebracht und gezüchtet. Einige sind bereits 30 Jahre alt“, verrät die 86-Jährige.

Über wunderschöne Geranien an den Fenstern verfügte einst auch das Rathaus. Der aufkommende Sparzwang führte aber dazu, dass sämtlicher Blumenschmuck verschwand. „Das ist ein bisschen traurig. Die Stadt ist ja als Ausrichter des Wettbewerbs mit im Boot“, sagte Spiehl. Vor wenigen Jahren übergab er deshalb dem Bürgermeister eine Rose, um damit zu fragen, ob der Stadtsäckel nicht doch ein paar Euro für Blumen, zumindest am alten Teil des Rathauses, hergibt. „Danach teilte man mir mit, dass Unterhalt und Pflege die Sache viermal so teuer machen wie die Anschaffung. Aufgrund dieser Antwort habe ich danach meinen Mund gehalten“, berichtet der Rentner. Für die Wettbewerbspreise kommen mittlerweile vier Sponsoren, darunter ein Baumarkt, ein Seniorenzentrum, eine Gärtnerei und eine Bank, auf. Die Wandteller schaffte man vor geraumer Zeit gleich für mehrere Jahre an. Das schmälerte den Preis, da die Töpferei nur einmal den Ofen anwerfen musste. Bis nächstes Jahr ist man noch mit Tellern versorgt.

Bilder: Dritte Nacht der Lichter in Babenhausen

In der Regel gehen rund 70 Häuser in die Bewertung ein. Einige weisen gerade einmal einen oder zwei kleine Blumentöpchen auf der Fensterbank auf. Wer Bänke, Steintröge und weiteren Schmuck, wie etwa Tonfiguren dazustellt, erhält Sonderpunkte für die Gestaltung. In den insgesamt drei Kategorien Zustand, Aufwand und Gestaltung lassen sich maximal zehn Punkte erreichen, was eine mögliche Höchstmarke von 30 Zählern bedeutet. Da die Preise des Wettbewerbs eher klein und symbolisch sind, gibt es kaum Personen, die nur aufgrund des Wettbewerbs zum Blumenfreund werden. „In der Regel bewerten wir Häuser, deren Bewohner unabhängig von unserem Rundgang Freude an diesem Hobby haben“, weiß Spiehl. So hat sich die Jury schon daran gewöhnt, dass die große Pracht meist an den gleichen Ecken der Altstadt auftritt. Damit nicht immer dieselben Ausreißer jedes Jahr die ersten Plätze belegen, wurde das Siegen mittlerweile auf eine bestimmte Zahl begrenzt. So haben auch weit weniger umfangreich begrünte Gebäude die Chance auf einen Preis.

In diesem Jahr fiel die Gesamtbilanz nicht ganz so gut aus. Das lag vor allem am nassen Frühjahr. Hinzu kommt der wachsende Umstand, dass immer mehr Menschen neben dem Beruf kaum noch Zeit finden, einem grünen Hobby nachzugehen. Im nächsten Jahr wird die Prämierung des schönsten Pflanzenschmucks zehn Jahre alt. Mit Blick auf die meist gleichen Sieger und die Gesellschaft, die aufgrund ihres hektischen Alltags kaum noch Zeit oder ein Auge für Blumen hat, stellt das Jubiläum für Wilhlem Spiehl auch eine Gelegenheit dar, über die generelle Weiterführung des Wettbewerbs nachzudenken.

Quelle: op-online.de

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