„Das wichtigste ist die Sorgfalt“

Darmstadt/Babenhausen - Liana M. trägt weiße Handschuhe. Mit größter Vorsicht legt sie das pergamentgebundene Buch aus dem 16. Jahrhundert auf die Glasplatte des Scanners. „Wir wollen Beschädigungen des Buchrückens vermeiden. Von Achim Lederle

Deshalb wird der wertvolle Band nur um etwa 90 Grad geöffnet“, erzählt sie. Nur kurz blitzt es auf, dann erscheinen auf dem Doppel-Bildschirm die zwei Bilder der linken und rechten Seite des Buches. „Die Schrift am Innenfalz ist noch nicht hundertprozentig deutlich zu sehen, da müssen wir nochmal scannen“, kommentiert Karl Löhr. Liana M. justiert etwas nach, öffnet das Buch einen Spalt breit weiter und löst den Scanner aus. Mit dem zweiten Versuch ist Karl Löhr zufrieden.

Egal ob wertvolle Handschriften, Zeitungen, Urkunden, Pläne oder andere Dokumente: Die Firma Gfi Gesellschaft für Informationstechnik K. Löhr sorgt dafür, dass die wertvollen Dokumente der Nachwelt erhalten bleiben. „Die buch- und dokumentenschonende Digitalisierung ist unser Metier“, sagt Karl Löhr. Dabei helfen dem Unternehmen, das in Babenhausen den Firmensitz hat und in Darmstadt ein Büro betreibt, mehrere Scanner der neuesten Generation für Aufsichts-, Dokumenten- und Mikrofilm-Aufnahmen. „Das wichtigste aber ist die Sorgfalt beim Arbeiten“, unterstreicht Löhr.

Bibliotheken sind wichtiger Auftraggeber

Der gelernte Kaufmann Karl Löhr beschäftigte sich bereits in den 1960er-Jahren mit Informationstechnologie. Als selbstständiger Unternehmer digitalisierte er auch Briefbestände und Fotos des Naturwissenschaftlers Albert Schweitzer. 1981 startete der heute 70-Jährige Löhr einen Vertrieb für Mikrofilmsysteme, aus dem das Unternehmen Gfi hervorging. Anfang der 90er-Jahre wurden die ersten Bücher und Pläne digitalisiert. Die Palette der Auftraggeber von Gfi ist heute bunt gemischt: Mit derzeit fünf Mitarbeitern digitalisiert die Gfi für Bibliotheken, Archive, Verlage, aber auch Verwaltungen und Unternehmen Dokumente und Pläne. „Ich will mich langsam aus dem Geschäft zurückziehen und meinen Mitarbeitern den Betrieb übereignen“, erzählt Löhr. „Die Arbeit macht mir aber so viel Freude, dass ich damit keine Eile habe“, verrät er augenzwinkernd.

Ein wichtiger Auftraggeber sind Bibliotheken. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert Digitalisierungsprojekte von Bibliotheken. Diese wenden sich dann an die Gfi. „Das Digitalisieren von Büchern ist mit über 80 Prozent unser Hauptgeschäftsbereich“, sagt Löhr. Aufträge kommen auch zum Beispiel vom Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte, für die juristische Fachzeitschriften gescannt werden. Auch Zeitungsverlage lassen ihre historischen Zeitungsbestände bei Löhr digitalisieren: „Im Durchschnitt scannen wir eine Million Zeitungsseiten pro Jahr.“ Ein weiterer Auftragggeber ist die Fraport. „Es gibt kaum ein Gebäude auf dem Frankfurter Flughafen, von dem wir keine Pläne eingescannt haben“, erzählt Karl Löhr. Für die Fraport hat Gfi technischen Dokumente digitalisiert. Bei dem Flughafenbetreiber müssen wie bei vielen Großunternehmen die Mitarbeiter jederzeit und gleichzeitig auf die technischen Unterlagen zugreifen können. „Das erfordert zwingend eine Digitalisierung der nach wie vor zahlreich erstellten analogen Dokumente und deren Eingliederung in bestehende CAD-Informationssysteme.“

Bei historischen Dokumenten ist es besonders schwierig

Mit der Digitalisierung allein ist es also nicht getan. Wie Löhr beschreibt, müssen die Daten für die Suche und Präsentation im Internet aufbereitet werden. So seien Dateiformate auszuwählen, die eine hohe Komprimierung ohne nennenswerte Qualitätsverluste ermöglichten. „Eine weitere nicht zu unterschätzende Aufgabe ist das Erfassen von Metadaten und das Erstellen einer Datenstruktur, ohne die ein gezieltes Wiederfinden der Informationen im Internet nicht möglich ist“, erklärt Löhr. Bei historischen Dokumenten ist dies oft besonders schwierig. „Die Inhalte der Dokumente sind oftmals nur schwer zu entziffern, teils sind sie beschädigt, teils sind die Texte in unterschiedlichen Frakturschriften abgefasst.“ Die könnten mit den derzeit verfügbaren sogenannten OCR-Erkennungsprogrammen nur ungenügend bearbeitet werden. „Da hilft nur das gute Auge unserer Mitarbeiter“, unterstreicht der Gfi-Chef. Die Erfassungsgenauigkeit entspreche 99,99 Prozent.

Mit der Digitalisierung sollen seltene oder wichtige Dokumente der Nachwelt erhalten oder allgemein verfügbar gemacht werden. Es geht aber auch um den Schutz vor Verlust und Beschädigung. „In Universitätsbibliotheken verschwinden regelmäßig viele Bücher“, weiß Karl Löhr. Auch Katatstrophen wie der Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder der Zusammenbruch des Stadtarchivs in Köln zeigen die Notwendigkeit, Druckwerke zu digitalisieren.

Langzeitarchivierung ist ein Problem

An Arbeit besteht für Karl Löhr und seine Mitarbeiter also kein Mangel. „Oft fehlt es jedoch am Geld“, sagt der Gfi-Chef. Die Etats vieler Bibliotheken seien rapide geschrumpft, vielfach stünden keine Mittel für die Digitalisierung der Bestände zu Verfügung. „Hier ist auch der Staat gefordert, dafür zu sorgen, dass wertvolle Kulturgüter den nachfolgenden Generationen erhalten bleiben können“, so Löhr. In Zukunft will die Gfi das Aufgabengebiet noch erweitern: „Die Digitalisierung und das Internet bieten viele Vorteile, bedauerlicherweise aber auch viel Freiraum für Piraterie und widerrechtliche Nutzung. Um keine Entwicklungen wie in der Musik- und Filmindustrie entstehen zu lassen, bemühen wir uns gemeinsam mit Verlagen und Bibliotheken um Lösungen, die allen gerecht werden. Keine einfache Aufgabe“, unterstreicht Löhr.

Ein weiteres Problem ist die Langzeitarchivierung. Digitale Datenträger und Formate halten nicht ewig. So ist regelmäßiges Umkopieren und Neuformatieren notwendig. „Dauerhaft sicher kann nur auf Mikrofilmen archiviert werden“, erklärt Löhr und weist damit auf die Grenzen der digitalen Datenflut hin.

Quelle: op-online.de

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