„Kein Namensschild am Ranzen“

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Über die richtige Balance von Beschützen und Loslassen informierte Kerstin Neumann, Jugendkoordinatorin der Polizei Darmstadt-Dieburg.

Babenhausen ‐ „Solange Kinder klein sind, gebt ihnen Wurzeln. Wenn sie älter geworden sind, gebt ihnen Flügel.“ Das indische Sprichwort fasst im Wesentlichen das zusammen, was Lebensberaterin Daniela Jocham in ihrem Vortrag „Stark fürs Leben - wie fördere ich das Selbstbewusstsein meines Kindes?“, Erziehenden nahe legte.  Von Katrin Görg

Der Elternbeirat der Schule im Kirchgarten hatte am Mittwoch zu einem Informationsabend eingeladen. „Mütter und Väter sollten aufpassen, dass der Schutz, den sie ihren Kindern geben möchten, nicht in Überbehütung ausartet. Denn die habe ungewollte, negative Folgen auf die Entwicklung des verwöhnten Sprösslings.

Zwar sei es auch dem Kind angenehm, täglich mit dem Auto zur Schule gefahren zu werden, weil Mama Angst hat, ihm könnte etwas auf dem Schulweg zustoßen, doch gerate es dadurch langfristig in eine Art Abhängigkeit von Menschen oder Situationen.

Wie viel Schutz schadet dem Kind?

Andere Kinder könnten zu einer Opfermentalität tendieren und dadurch zum Spielball für andere werden, ein Fluchtverhalten entwickeln, dass sich beispielsweise so ausdrückt, dass vor einer Klassenarbeit plötzlich Übelkeit und Bauchschmerzen angesagt sind. Wieder andere könnten dazu neigen, ihre Angst, resultierend aus einem minder starken Selbstwertgefühl, mit Aggressivität zu überspielen.

Also, wie viel Schutz hilft Kindern wirklich und schadet nicht ihrer Entwicklung? „Versorgen bei Hilflosigkeit und loslassen in Selbstständigkeit!“, lautete der Merksatz Jochams. Wichtig in der Erziehung seien auch Ermutigung, denn die setze Kräfte frei, Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Kindes, welches so lernt, Verantwortung zu übernehmen, emotionale Geborgenheit, die Sicherheit gibt sowie verlässliche Grenzen und klare Regeln für Kinder und Eltern.

„Kinder sollen auch nein sagen dürfen“

Jocham forderte die anwesenden Eltern zu einem praktischen Perspektivwechsel auf. Schlechte Eigenschaften des eigenen Kindes sollten aus einem anderen, positiven Blickwinkel betrachtet werden. Und so wurden aus Ungeduld kurzerhand Zielstrebigkeit und Schnelligkeit gemacht.

„Kinder sollen auch nein sagen dürfen“, betonte Daniela Jocham immer wieder. Denn das sei auch für Erwachsene nicht immer leicht, helfe aber, sich selbst wahr und ernst zu nehmen und sich vor Überforderung zu schützen.

„Nein sagen“ war auch Thema im anschließenden Referat von Kerstin Neumann, Jugendkoordinatorin der Polizei Darmstadt-Dieburg. Ein Kind solle lernen, sich abzugrenzen und müsse weder im Verwandten- oder Bekanntenkreis Zärtlichkeiten hinnehmen, sagte sie: „Denn der Übeltäter ist selten der unbekannte Mann, sondern findet sich im näheren Umfeld wieder.“

Kein Name auf Ranzen

Trotzdem solle auch eine gesunde Vorsicht dabei sein, wenn das Kind sich alleine außer Haus bewegt. So ist es eine unkluge Idee, ein Namensschild außen auf dem Schulranzen zu befestigen. Denn: „Die Ansprache mit dem Namen gaukelt dem Kind eine tatsächlich nicht vorhandene Vertrautheit vor“, warnte Neumann. Eltern sollten mit ihren Kindern Wege abgehen, die sie später alleine laufen werden, sowie ihnen das richtige Verhalten im Straßenverkehr auch bei Notfällen beibringen.

Bei allem Schutz sei eines immer wichtig: Eltern müssen loslassen können. Das betonten beide Frauen in ihren Vorträgen. „Auch wenn es der Mutter schwer fällt, das Kind wird dadurch gestärkt werden“, so Jocham, die in den letzten Wochen im Rahmen des Projekts „Kinder stark machen“ von der Babenhäuser Jugendförderung, des Elternbeirats der Kirchgartenschule sowie der Schulleitung einen Kurs mit ganz ähnlichen Themen mit den vierten Klassen betreute.

Quelle: op-online.de

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