„Keine Erinnerung an Mordnacht“

Darmstadt/Babenhausen - Mit der Vernehmungsfähigkeit von Astrid Toll, der Tochter des getöteten Ehepaars Toll aus Babenhausen, beschäftigte sich das Gericht am Mittwoch bei der Fortsetzung des Prozesses um den Doppelmord im April 2009 in Babenhausen. Von Ulrike Bernauer

Richter Volker Wagner hatte für diesen Prozesstag alle Fachkräfte geladen, die nach der Tatnacht näheren Kontakt zum überlebenden Opfer gehabt hatten, von der Krankenschwester, die Astrid Toll im Krankenhaus betreute, über Sozialpädagogen bis hin zum Gutachter Prof. Dr. Hartmut Berger, der Toll auf ihre Vernehmungsfähigkeit untersucht hatte.

„Man wird keinen weiteren Erkenntnisgewinn durch eine Vernehmung von Astrid Toll erwarten können“, so die Einschätzung von Berger. Der hatte vor dieser Beurteilung die Untersuchung der Frau und auch seine Einschätzung ihres Geisteszustandes geschildert. Die Tochter des ermordeten Ehepaars leide unter dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus. Sie verstehe alles, „aber emotional hat man das Gefühl, man rede gegen eine Wand“, sagte der Gutachter aus.

Keine Erinnerung an das Geschehen

Als Berger die Frau am 19. März untersuchte, sei ihr zwar klar gewesen, dass ihre Eltern tot seien, sie habe aber keine Erinnerung an das Geschehen in der Mordnacht.

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Auch die Krankenschwester Angelika Holzwarth, die Astrid Toll direkt nach der Verlegung aus der Intensivstation betreut hatte, berichtete von lückenhaften Erinnerungen an die Tatnacht. Sie habe ihr einmal erzählt, „es war Nacht und dunkel und dann ist ein böser Mann gekommen“. Darauf hatte Holzwarth die Polizei angerufen, damit diese Astrid Toll zum Tathergang befragen können. Toll habe jedoch „zugemacht“ und den Kriminalbeamten nichts mehr erzählt.

Einig waren sich alle an diesem Verhandlungstag Befragten, da Astrid Tolls Bestreben immer gewesen sei, „wieder nach Hause und zu ihrer Arbeit“ zu kommen. Zeitweise war die Frau in Nordhessen in einer Behinderteneinrichtung untergebracht, weil man ihr Leben in Gefahr sah, solange nicht ein Tatverdächtiger ermittelt und festgenommen werden konnte.

Nachdem ihr erzählt worden war, dass ein Nachbar als Tatverdächtiger in Haft sitze, habe sie nur geäußert, „dann kann ich ja nach Hause“.

„Astrid Toll möchte, dass der Täter gefasst wird und die Polizei ihre Arbeit tut“, erklärte die Diplom-Psychologin Hilke Haukers, die mit Toll über ein Jahr lang wöchentlich Gespräche führte, „aber dass sie selbst daran mitwirken will, kann ich mir nicht vorstellen“. Auch Haukers teilt Bergers Einschätzung, dass das überlebende Opfer nicht mehr weiß, als es bisher gesagt hat. Die Psychologin hält eine Aussage für Toll zudem nicht für gefahrlos und würde deshalb selbst einer Befragung im ganz kleinen Rahmen, lediglich mit Richter Wagner und einer Vertrauensperson des Opfers, nur unter großen Bedenken zustimmen.

„Gefahr einer Chronisierung des Traumas“

Auch wenn der Gutachter Berger Astrid Toll große Emotionslosigkeit, einem typischen Verhalten bei Autismus, bescheinigte, der Verlust der Eltern habe sie dennoch emotional erheblich belastet. „Sie bricht regelrecht zusammen, wenn man den Tod von Vater und Mutter anspricht“, sagte Berger. Relativ bald danach wäre es jedoch, als habe man einen Schalter umgelegt und sie äußere sich wieder über andere Themen - völlig unbeteiligt. Dennoch äußerte Berger die Ansicht, dass man Astrid Toll mit dem Geschehen nach Möglichkeit nicht mehr konfrontieren sollte - „Es besteht die Gefahr einer Chronisierung des Traumas, das Toll durch den Tod der Eltern erlitten hat.“

Der Prozess wird am Mittwoch, 18. Mai, vor dem Landgericht fortgesetzt. Gehört werden soll dann unter anderem ein weiteres Mal der Schusssachverständige Poser.

Rubriklistenbild: © Michael Grabscheit/pixelio.de

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