Nest bei Mäharbeiten zerstört

Keine Küken am Richerbach in Sickenhofen

Das Entenpärchen schwimmt auf dem Richerbach entlang des abgemähten Uferstreifens. Bei der Mahd ist das Entengelegezerstört worden.
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.Bei der Mahd entlang des Richerbachs ist das Entengelege zerstört worden.

Inmitten der der Brut- und Setzzeit ist bei Mäharbeiten entlang des Richerbachs in Sickenhofen ein Entennest zerstört worden. Waren die Arbeiten rechtens?

Sickenhofen – Jeden Tag beim Gassigehen beobachtete Claudia Rink die Enten auf dem Richerbach in Sickenhofen. Heimische Stockenten, um genau zu sein. Ein Pärchen und ein einzelner Erpel schwammen auf dem fließenden Gewässer zwischen Bach- und Ernst-Ludwig-Straße hin und her; am Ufer hohes, dichtes Gras, in dem der weibliche Vogel ab und an verschwand. „Was ist denn da?“, fragte sich Rink neugierig – und erspähte vom Gehweg aus ein verstecktes Entengelege. Elf Eier hatte die Vogeldame in ihr Nest gelegt, und bald darauf begann sie zu brüten. „Bald Entenküken“, war die 57-Jährige voller Vorfreude auf den sich ankündigenden flauschigen Nachwuchs. Schwamm mit den drei erwachsenen Enten doch längst nicht mehr so viel Vogelvieh auf dem Wasser, wie sie es noch aus ihrer Kindheit kannte.

Doch kurz danach war der schmale Grasrand an dem Bach abgemäht und die Sickenhöferin entsetzt. Suchend schaute sie sich nach dem Gelege um und fand es komplett zerstört: „Da war schon Leben in den Eiern, das konnte man deutlich an den Blutgefäßen sehen – wieso durfte da gemäht werden?“ In Rink kommt noch heute die Wut hoch, wenn sie daran denkt. „Privatleute erhalten Strafen, wenn sie in der Brut- und Setzzeit ihre Hecken schneiden, Hundebesitzer werden gebeten, ihre Tiere an der Leine zu führen“, zählt sie empört auf, dann müsse sich erst recht die öffentliche Hand als Vorbild danach richten.

Ihr erster Verdacht fiel auf die Stadt. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass diese nicht für derartige Mäharbeiten zuständig ist, sondern der Wasserverband Gersprenzgebiet, verantwortlich für sämtliche Städte und Gemeinden im Niederschlagsgebiet der Gersprenz. Also auch für Sickenhofen. „Das stimmt“, bestätigt Verbands-Geschäftsführer Matthias Sottong. „Wir lassen die Wiesenstreifen an fließenden Gewässern in Ortslage mähen.“ Und das wassernahe Gebüsch und Geäst stutzen. Ihr ausführender Vertragsunternehmer sei die auf Unterhaltungsarbeiten an Gewässern spezialisierte Firma Röder aus Reichenbach an der Bergstraße. „Sie haben von uns quasi einen Dauerauftrag zur Pflege und arbeiten im Laufe des Jahres selbstständig einen Grünstreifen nach dem anderen ab.“ Nur wenn es irgendwo besondere Dringlichkeiten gäbe, würde sich der Wasserverband einmischen. Am Richerbach in war das nicht der Fall.

Geschäftsführer Arno Händschke der Firma Röder Wasserbau bedauert den Vorfall. „Wir gucken so gut, wie es möglich ist. Es kommt selten vor, dass wir ein Nest erwischen, aber hundertprozentig lässt es sich nicht vermeiden.“

Das Entenpärchen schwimmt auf dem Richerbach entlang des abgemähten Uferstreifens

Der Grund für die Mäharbeiten an fließenden Gewässern ist laut Sottong die Angst vor Verbuschung, was bei Hochwasser ein ungehindertes Fließen verhindern könnte. Die Gefahr einer Stauung und zusätzlichen Wasseranstiegs bestände, auch die einer Verkeimung durch ins Wasser ragendes organisches Material. Und tatsächlich erlaubt das Bundesnaturschutzgesetz Mäharbeiten zum Hochwasserschutz das ganze Jahr über. Anders als bei größeren Schnitt-, Fäll- und Rodearbeiten an Hecken, Bäumen oder Sträuchern. Bei denen können zwischen 1. März und 30. September Bußgelder von bis zu 10 000 Euro fällig werden.

Im Gesetz steht allerdings ebenfalls, dass das Zerstören von Fortpflanzungsstätten verboten ist – egal, ob in Gras, Busch oder Baum. Auf freiwilliger Basis konnte die Untere Naturschutzbehörde vor einigen Jahren immerhin im Landkreis erreichen, dass Gewässerläufe außerhalb von Ortschaften kaum noch und die innerorts nur im Sommer nach dem 15. Mai gemäht werden – eine Maßnahme, die im Fall der Sickenhofer Enten – wie ihre Artgenossen im Zeitraum von Mitte März bis Ende Juni brütend – nichts genutzt hat. Die Behörde will nun prüfen, ob bei den Mäharbeiten im Mai die Belange des Artenschutzes durch Unaufmerksamkeit missachtet wurden.

Arno Händschke ist nicht dieser Ansicht. „70 Prozent solcher Mäharbeiten sind Handarbeit mit der Sense.“ Da komme so etwas wie ein zerstörtes Entengelege erst gar nicht vor. Und beim Mähen mit der Maschine wie am Richerbach schaue seine Truppe genau hin, ob irgendwo eine Ente hochfliege, was auf ein Nest hindeute. Der Zeitpunkt für die Mahd war jedenfalls dem schlechten Wetter im Mai geschuldet, erklärt er. „Wir wollten nicht, dass bei Hochwasser die Keller volllaufen.“ Und sie wollten nicht, dass wilde Brombeeren bei der herrschenden pflanzenfreundlichen Nässe plötzlich die ganze Wiesenfläche vollwuchern. (zkn)

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