Kirchweih in Langstadt

Seitenhiebe auf die Sickenhöfer auch an Kerb

+
Langstädter feiern ihre Kirchweih. Kerbvadder Raphael Gassmann (mit Zylinder), flankiert von den Kerbburschen und -mädchen.

Langstadt - Wenn die Langstädter ihr Kerblied anstimmen, dürfte man auf der anderen Seite der B26, in Sickenhofen, etwas genauer hinhören. Von Michael Just

Denn in dem Lied freuen sich die Nachbarn in der ersten Zeile nicht nur, dass die Lengschder Kerb da ist, sondern beziehen sich kurz darauf auch auf eine alte Rivalität. So wird überschwänglich vorgeschlagen, dass man Sickenhofen kaufen und dort neue Bauplätze schaffen sollte. Bisher ist es dazu aber noch nicht gekommen, im Kerblied wird aber alljährlich daran erinnert.

Auch am Montag dieser Woche, als die Kerb wieder ausgiebig auf dem Vorplatz des Feuerwehrhauses in einem großen und gut gefüllten Zelt gefeiert wurde. Der Tag begann um 11 Uhr mit einem Frühschoppen. Um 14 Uhr holte Kerbvadder Raphael Gassmann zu seinem Kerbspruch aus, am Abend ging es gesellig in der Bar weiter.

Das Warmlaufen auf die Kerb begann bereits am Freitagabend im Schützenhaus mit dem Treffen ehemaliger Kerbburschen. Der Kerbtanz stand am Samstagabend im Schützenhaus an. Der Sonntag wurde von einem großen Festgottesdienst bestimmt, an den im Anschluss die „Freunde der Kerb“, ein lokaler Freundeskreis, zum Mittagessen einluden. Der große Abschluss erfolgte wie gewohnt am Montag bei den Blauröcken.

Viele nehmen montags Urlaub

„Seit Anfang der 70er Jahre übernimmt die Feuerwehr bereits den Haupttag der Kerb. Vorher wurde samstags und sonntags in den Kneipen gefeiert“, weiß Dieter Metzler, zweiter Vorsitzender des Feuerwehrvereins. Wie er ergänzt, hatten die einzelnen Gaststätten, darunter „Die Bretzel“ oder „Die Rose“, sogar ihre eigenen Kerbburschen. Die Feuerwehr habe die Veranstaltung dann als Novum auf den Montag gelegt. Seitdem nehmen die Langstädter zu Wochenbeginn gerne Urlaub, um ihre Kerb zu feiern.

Urlaub von seiner Ausbildung zum Metallbauer reichte auch Raphael Gassmann ein, der dieses Jahr die Rolle des Kerbvadders übernahm. „Den Zylinder hab ich aus dem Internet. Das schwarze Jacket besaß ich schon vorher“, berichtet der 19-Jährige, der schon einmal Kerbvadder war. „Ich hab´s jetzt wieder in die Hand genommen, einer muss es ja machen“, sagt er mit einem Seufzer und deutet damit an, dass der Ansturm auf die Rolle nicht gewaltig war.

Begleitet in seinem Amt wurde er von zwölf Kerbburschen und drei -mädchen, die halfen, die Kerb zu organisieren und den Stoffel zu basteln. Deren Arbeit hielt sich aber in Grenzen, da es im Ort keinen Umzug gibt. „Am Montag gehen wir nur mit dem Kerbvadder auf die Bühne. Danach lassen wir es uns gut gehen“, kündigt einer der Burschen an, deren Alter zwischen 16 und 23 Jahren rangiert. Einige Jungs und Mädels sind schon zum vierten Mal dabei.

Gesprengter Fahrkartenautomat im Jahresrückblick

Gassmann lieferte mit seinem Kerbspruch den Höhepunkt des Tages. Die Rede musste der junge Mann nicht alleine schreiben: Dabei halfen Kollegen und Lengschder Einwohner. 17 heitere Begebenheiten kamen am Ende zusammen, so dass es fast eine Dreiviertelstunde zu erzählen galt. Im Jahresrückblick fehlte natürlich der aufgesprengte Fahrkartenautomat am Bahnhof nicht.

Als lustiger zeigten sich die anderen Geschichten: Da landete eine Boccia-Kugeln im Gewächshaus, wurden allzu locker angeschraubte Autokennzeichen verloren oder Schwalbenhäuser aufgestellt, in die keine Schwalben einzogen. Ein Langstädter machte sich an Maria Himmelfahrt nach Bayern auf und stand dort bei einer Firma ungläubig vor verschlossenen Toren. An diesem Tag wird in Hessen gearbeitet, in Bayern eben nicht. Und auch das Seebeben Open-Air hatte Folgen: Langstädter verliefen sich gleich mehrfach auf dem Nachhauseweg, andere bekamen ihr Rad geklaut, weil sie es nicht abgeschlossen hatten.

Wie es sich für einen ordentlichen Kerbspruch gehört, hielt der mit den Namen der Pechvögel nicht hinter dem Berg. Den Betroffenen brachte das am Montag, sofern sie im Zelt saßen, ein heiteres bis mitleidsvollen Schulterklopfen ein. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntermaßen nicht zu sorgen.

„Keiner fühlt sich zu sehr betroffen, des will ich natürlich hoffen“, sagte Gassmann, schränkte jedoch gleich ein: „Und wenn doch, dann ist‘s mir Wurst, weil ich hab jetzt einen Durst“. Die meisten Betroffenen dürften den Spott alsbald vergessen haben. Dafür sorgte schon das Kerblied, das die Aufmerksamkeit erneut auf die Sickenhöfer lenkte.

Quelle: op-online.de

Kommentare