Kerbburschen wieder am Start

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Heftig ins Wackeln brachten die Kerbburschen ihren Wagen beim Umzug.

Harpertshausen - Ein Kunde schnürt vor einem Dieburger Baumarkt eine Packung Fliesenkleber aufs Rad und zieht unbemerkt durch ein Loch eine lange Pulverspur hinter sich her. Von Michael Just

Eine Frau kann nach dem Bezahlen an der Tankstelle nicht den Schlüssel ins Zündschloss stecken – sie sitzt im falschen Auto. Eine Gruppe junger Männer nimmt auf dem Rückweg von einem Ausflug in der Nacht ein Bad in freier Natur und handelt sich Ausschläge ein: Wem solches widerfährt, der braucht sich später nicht zu wundern, wenn er im nächsten Kerbspruch auftaucht.

Mit all‘ dem und weiteren Geschehnissen hielt Kerbvadder Alex Diehl (18) am Sonntagnachmittag nicht hinter dem Berg, als er die Missgeschicke von so manchem Bürger im Ort vom Fenster des DRK-Heims präsentierte. „Im schönsten Stadtteil von Babenhausen“, wie es im Kerb-lied heißt, wird gerade Kirchweih gefeiert. Das bedeutet immer einen Feiermarathon, denn mit fünf Festtagen geht es hier recht lang zu. Unter dem Motto „Wir sind blauer als die Schlümpfe“ stand am Freitag der Kerbanstich mit Event-Bar an. Der Samstag lud zum Kerbschoppen, der Sonntag zu Umzug und Kerbspruch. Nach dem gestrigen Frühschoppen steht heute die Verbrennung an.

Der Lindwurm am Sonntag hatte sechs Nummern. Ihm gehörten das DRK, das Musikcorps aus Habitzheim, die Oldtimer-Fahrer im Ort oder das Männerballett der „Glorreichen 8“ an. Auf einem besonders geschmückten Wagen begingen die Kerbburschen von 1983 ihr 30. Jubiläum. Den Kopf des Zuges bildeten die aktuellen „Borsche“. Dass es sie gibt, ist alles andere als selbstverständlich, denn in den letzten zwei Jahren musste die Kerb ohne Burschen auskommen. Nun waren wieder sechs Jungs und drei Mädchen als Speerspitze dabei. Sie feierten besonders „nachhaltig“, was die Bierduschen beim Umzug bewiesen. Einige verausgabten sich so sehr, dass sie die Erschöpfung ereilte. Dazu gehörte auch der ursprüngliche vorgesehene Kerbvadder, der seinen Part einem Kollegen überließ. So schritt Alex Diehl dem Zug voran und und las kurz darauf die Rede vor.

Vor dem Umzug hörte der Regen auf. „Wir wären auch mit Schirm zum Gucken gekommen“, sagt eine 52-Jährige, die sich als „treue Zugezogene“ bezeichnet. Etwas zurückhaltener steht ein junger Mann nach zwei langen Nächten da. Sein Sweatshirt weist den Biologie-Studenten als Kerbbursch von 2010 aus – und auch als Honigliebhaber. Mit Filzstift geschrieben fällt das Wort „Biene“ ins Auge. „Das war ein Getränke-Unfall“, lacht er. Nicht weit von ihm hüpfen die aktuellen Burschen so heftig auf ihrem Wagen, dass dieser samt Zugmaschine wackelt. Dies tat ebenfalls der Wagen der Kerbburschen von 1983. Auch hier wurde gesungen, dazu spielte Karsten Kratz Akkordeon.

Vor 30 Jahren erweckte die Gruppe die Kerb im Ort aus ihrem Dornröschenschlaf. Fortan gab es wieder Umzüge und Burschen. „Wir haben noch etwas braver gefeiert“, blickt Jürgen Sauerwein zurück. „Und wenn´s heftiger wurde, drückten die Eltern ein Auge zu“, so Ralf Schnur lachend. Den Kerbtanz, den es heute nicht mehr gibt, hätte man sogar mit den Eltern verbracht.

Mittlerweile sind die Jungs von damals ein halbes Jahrhundert alt. Daran, dass sie immer noch partytauglich sind, ließen sie keinen Zweifel. Noch eine Spur ausgelassener feierten die aktuellen Kerbburschen. Viele andere Dinge traten dabei zurück. Bei Lena Schnur waren es die zwei Schulklausuren, die sie heute und morgen nach einer anstrengenden Kerb in Mathe und Englisch schreiben muss. Auf die Noten ist die Elftklässlerin besonders gespannt. Wie ein anderer Kerbbursch sagte, müsse sie da durch: „Kerb ist schließlich nur einmal im Jahr. Und wozu sind Nachholklausuren erfunden worden?“

Quelle: op-online.de

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