Kirchenfest beendet Jubiläumsjahr

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In historischen Gewändern traten Dagmar Tormählen-Roth und Helmut Pfau vom evangelischen Kirchenvorstand auf. An einer historischen Vorrichtung zum Buchdruck (einem Nachbau, der ausgeliehen werden kann) drehten sie das Rad der Zeit um Jahrhunderte zurück.

Babenhausen - Wir schreiben das Jahr 1262: Papst Urban ist erst seit sieben Monaten im Amt. Er residiert nicht in Rom, sondern in Viterbo, rund 85 Kilometer von Rom entfernt. Von Michael Just

Eines Tages erreicht ihn eine weniger gute Nachricht: „Es sind Klagen aus dem tiefen Germanien über das Patronatsrecht in Babenhausen gekommen. Die Ritter von Düdelsheim und die Gayling von Altheim melden beide Erbansprüche an und wollen das Einsetzen der Priester nicht mehr den Herren von Hanau überlassen“, berichtet sein Sekretär. „Diese Querelen müssen wir ein für alle Mal beenden, sonst werden wir permanent mit solchen belästigt“, antwortet der Papst.

750 Jahre Jahre später stehen am Sonntagmorgen Dagmar Tormählen-Roth als Papst Urban und Sigrid Stemmler als sein Sekretär auf der Kanzel der Stadtkirche. Zusammen mit anderen Mitgliedern der evangelischen Gemeinde führen sie im Gottesdienst in einem selbstgeschriebenen Dialog jene zwei Szenen auf – darunter auch die Gerichtsverhandlung in Frankfurt – die zur ersten urkundlichen Erwähnung des historischen Sakralbaus im Herzen von Babenhausen führten.

„Westabschluss der Kirche steckt irgendwo im Boden“

Bauhistoriker Dr. Hans-Herrmann Reck aus Wiesbaden referierte die Ergebnisse der Sanierung von 2000 bis 2006.

Denn darauf beruhte am Wochenende das große Kirchenfest, das die evangelische Gemeinde mit zahlreichen Programmpunkten beging. Dazu gehörten ein Konzert des Blasorchesters, das Stelldichein der Babenhäuser Gesangvereine Eintracht und Volkschor oder der Auftritt des Gitarristen Tilmann Steitz.

Die Garnituren auf dem Kirchplatz präsentierten sich feierlich geschmückt für das leckere Gulasch zum Mittagessen sowie den sich anschließenden Kaffee und Kuchen. Trotz des Herbstbeginns am Vortag spielte das Wetter mit: Reichlich Sonnenschein und warme Temperaturen sorgten für große Resonanz und ein rundum zufriedenes Fazit.

Dass die Feier quasi auf einen historischen Streit zurückgeht, nahmen alle Beteiligten neuzeitlich gelassen. Stattdessen dankten Pfarrer Frank Fuchs und Pröbstin Karin Held im Gottesdienst jenen Menschen, die die Jahrhunderte zuvor ihren Glauben lebten und damit auch St. Nikolaus begründeten.

Am Nachmittag nutzte der Bauhistoriker Dr. Hans-Herrmann Reck aus Wiesbaden das Gotteshaus für einen interessanten Vortrag über die Ergebnisse der jüngsten Sanierung (2000-2006). „Alles was sich über dem Boden befindet, ist nun zu 99 Prozent bekannt“, weiß Reck, der durch die äußerst gründlichen Untersuchungen weitere Funde, wie etwa von Fresken, ausschließt. Im Erdreich sehe das ein bisschen anders aus. Hier fehle noch der Westabschluss der alten Kirche. „Der steckt noch irgendwo im Boden“, sagt der Archäologe. Aufreißen könne man jetzt aber nichts mehr: „Das steht dann bei der nächsten Sanierung in 100 bis 200 Jahren an.“

„Wir sind sehr sparsam“

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Dass die Stadtkirche schon vorher immer wieder kleiner Ausbesserungen bedarf, steht außer Frage: „Das ist ein altes Gebäude. Schon deshalb ist es reparaturanfällig“, führt Christoph Kleinert vom Kirchenvorstand an. Der Babenhäuser ist aber zuversichtlich, dass die 3 300 Mitglieder zählende Gemeinde das finanziell hinbekommt: „Wir sind sehr sparsam, dazu haben wir eine mehr oder weniger große Spendenbereitschaft und Rücklagen.“ Die nächsten finanziellen Aufwendungen laufen erstmal ins Gemeindehaus, das in den nächsten Monaten eine neue Inneneinrichtung für mehrere zehntausend Euro bekommt.

Das Kirchenfest bildete den Abschluss des Jubiläumsjahres. Dem voraus gingen bereits zwei Veranstaltungen zum Klimawandel mit dem Kirchenpräsidenten sowie eine Ausstellung mit Schulkindern. Des Weiteren lud das Blasorchester zu einem großen Konzert in die Stadtkirche ein.

Das Ergebnis des Streits über das Patronatsrecht in Babenhausen vor 750 Jahren blieb übrigens in den Quellen unerwähnt. Zu vermuten ist aber wohl, dass die Herren von Hanau den Prozess gewannen. Der Chor der Stadtkirche wurde jedenfalls laut steinerner Bauurkunde aus dem Jahre 1383 von Friedrich von Langen, einem Amtsmann der Hanauer, ausgebaut.

Quelle: op-online.de

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