Aus Kleinigkeiten werden Angriffe

Kugelschreiber-Prozess: Leicht reizbarer Täter zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt

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Kugelschreiber-Prozess: Leicht reizbarer Täter zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt

Weil er einen Sacharbeiter des Sozialamts in Dieburg mit einem Kugelschreiber an den Hals gestochen hat, wurde ein 50 Jahre alter Mann aus Babenhausen zu einer Haft von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt.

Dieburg/Babenhausen –Dieser Fall alleine hätte ihm zwei Jahre und vier Monate eingebracht, verlas Richter Christian Meisinger gestern Mittag am dritten und letzten Verhandlungstag am Dieburger Amtsgericht. Doch dem 50-Jährigen wurden noch drei weitere Taten vorgeworfen (wir berichteten). Unter anderem hat er vor dem Angriff auf den Sacharbeiter seinen damaligen Vermieter in Babenhausen mit einem Messer bedroht und nach der Verhaftung in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt einen Angestellten beleidigt, einen anderen angespuckt – auch wenn er (was ein Mithäftling als Zeuge bestätigte) ihn dabei wohl nicht getroffen habe.

Bis zuletzt besteht der Babenhäuser derweil darauf, dass er den Sacharbeiter des Sozialamts vor knapp einem halben Jahr nicht mit einem Kugelschreiber, sondern mit der Hand verletzt habe. Doch Richter Meisinger sah die Beschreibung des Verletzten, dass der Angreifer einen Gegenstand in seiner Hand gehalten haben soll und dass die Verletzung an dessen Hals eine runde Form aufweist, als Bestätigung genug. Außerdem wurden bei der Verhaftung Kugelschreiber beim Täter gefunden. Hinzu kam bei der Strafbemessung, dass der Sacharbeiter unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

Die Auseinandersetzungen mit dem Vermieter, dem Sacharbeiter und den JVA-Angestellten entstanden oft aus Kleinigkeiten, wie Meisinger in der Urteilsbegründung mehrfach wiederholte. Beim Vermieter fing der Streit damit an, dass der dem 50-Jährigen nicht sofort einen Kaffee machen wollte. Beim Sacharbeiter damit, dass der zuvor nie strafrechtlich auffällige Babenhäuser nicht sofort die Leistung bekommen hat, die er gerne hätte. Sprich: Geld und eine Wohnung.

Auch ein Sachverständiger bestätigte gestern, dass der verurteilte Täter sehr leicht reizbar sei. Selbst in ihrem gemeinsamen Gespräch sei der 50-Jährige immer unruhiger und pampiger geworden, „weil er mit der Situation und meinen Fragen unzufrieden war“, sagte der Gutachter. Es sei so weit gegangen, dass der Babenhäuser immer wieder die Hängelampe zwischen ihnen in die Hand nahm und dem Sachverständigen entgegenwippte. „Das war das erste Mal, dass ich ein Gespräch abgebrochen habe“, ergänzte er noch. Anschließend hätte sich die Lage beim 50-Jährigen wieder verbessert.

Der Eindruck der leichten Reizbarkeit bestätigte sich gestern auch im Gerichtssaal. War er bei der Urteilsverkündung noch recht ruhig, wurde der Babenhäuser bei der Begründung immer fahriger, flüsterte seinem Verteidiger etwas zu und murmelte vor sich hin. Immer wieder unterbrach Meisinger daraufhin die Begründung. „Seien Sie jetzt bitte ruhig“, „Sie bestätigen jetzt nur den Eindruck, der dem Gericht vermittelt wurde“, oder „Es reicht jetzt!“ beantwortete der 50-Jährige immer nur mit „Ja, ja“ bis der Richter die Sitzung schließlich für ein paar Minuten unterbrach. Die setzte er erst wieder fort, als der Täter sich etwas beruhigt hatte.

Auch darüber, ob die verlesenen Entschuldigungen des Angeklagten ernst gemeint seien, lasse sich laut Meisinger streiten. So habe sich der Angeklagte nicht persönlich bei den Geschädigten entschuldigt. Stattdessen hat er es vom Verteidiger verlesen und über das Gericht ausrichten lassen. Aber Entschuldigung hin oder her: die mehr als zweieinhalb Jahre muss er sowieso absitzen.

VON LARS HERD

Quelle: op-online.de

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